Wer kauft Aktien, wenn alle verkaufen?

Eine der verwirrendsten Fragen für Börsenneulinge – und die Antwort steckt im Grundprinzip jedes Handels: Für jeden Verkäufer muss ein Käufer existieren. Wer das sind und warum der Preis dabei fällt, erklärt diese Seite.

Das Paradoxon: "Alle verkaufen" ist logisch unmöglich

Wenn Börsennachrichten vom "Ausverkauf" sprechen oder Schlagzeilen verkünden, "alle Anleger flüchten aus Aktien", klingt das nach einem Zustand, in dem niemand mehr kauft. Das ist ein fundamentales Missverständnis der Börsenstruktur.

An der Börse gilt ein eisernes Gesetz: Jede Transaktion hat genau zwei Seiten. Wenn jemand 100 Aktien von SAP verkauft, muss auf der anderen Seite des Handels exakt jemand 100 SAP-Aktien gekauft haben. Ohne Käufer kein Handel – ohne Handel kein Kurs. "Alle verkaufen" ist daher kein Marktphänomen, das tatsächlich eintreten kann, solange ein Marktpreis entsteht.

Was tatsächlich passiert, ist etwas anderes: Das Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern verschiebt sich. Es gibt mehr Verkäufer als Käufer zu einem bestimmten Preis. Die Anpassung erfolgt nicht über das Verschwinden von Käufern – sondern über den Preis. Der Kurs fällt so lange, bis neue Käufer angelockt werden, die bei diesem niedrigeren Preis bereit sind einzusteigen.

Die eigentlich interessante Frage ist also nicht "wer kauft?", sondern "wer kauft zu welchem Preis?" – und diese Käufer gibt es, sie sind nur strukturell sehr different von der panisch verkaufenden Masse.

Die Käufer im Crash: Wer sind sie?

1. Market Maker – die strukturellen Käufer

Market Maker sind Banken oder spezialisierte Handelshäuser (in Frankfurt z.B. Designated Sponsors der Deutschen Börse), die vertraglich verpflichtet sind, kontinuierlich Kauf- und Verkaufspreise zu stellen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt am Spread – der Differenz zwischen dem Preis, zu dem sie kaufen (Bid), und dem Preis, zu dem sie verkaufen (Ask).

Im Crash weiten Market Maker ihren Spread aus – kaufen also zu deutlich niedrigeren Preisen, als sie verkaufen würden. Das schützt sie vor dem Risiko. Aber sie müssen kaufen: Ihre Lizenz verpflichtet sie dazu, Liquidität bereitzustellen. Sie sind damit der strukturell unvermeidliche Käufer, auch wenn die Preise, die sie anbieten, für Verkäufer schmerzhaft sind.

2. Institutionelle Investoren – Rebalancing zwingt zum Kauf

Pensionskassen, Lebensversicherungen und Staatsfonds verwalten oft Billionen Euro nach festen Regeln. Eine typische Regel lautet: "60% Aktien, 40% Anleihen." Wenn Aktien im Crash um 30% fallen, sinkt der Aktienanteil automatisch auf etwa 48%. Um die 60% wiederherzustellen, müssen diese Institutionen Aktien kaufen – und zwar genau dann, wenn der Markt am stärksten fällt.

Dieses mechanische Rebalancing schafft enormen Kaufdruck im Abschwung. Allein die US-Pensionsfonds verwalteten 2023 über 35 Billionen Dollar – selbst 1% Umschichtung bedeutet 350 Milliarden Dollar Kaufinteresse.

3. Contrarian-Investoren – der bewusste Gegenzug

Warren Buffett hat seinen berühmten Satz geprägt: "Sei ängstlich, wenn andere gierig sind – und gierig, wenn andere ängstlich sind." Im Crash 2008/09 kaufte Berkshire Hathaway massiv: Anteile an Goldman Sachs, General Electric, Bank of America. Buffett zahlte Preise weit unter Marktpreis – weil er in der Panik der Gegenpart zu den Verkäufern war.

Contrarian-Strategen wie Howard Marks oder Joel Greenblatt folgen derselben Logik: Extreme Marktpessimismus schafft Kaufgelegenheiten, weil die Masse übertreibt und Qualitätsunternehmen unter ihren inneren Wert fallen.

4. Unternehmen selbst – Aktienrückkäufe

Viele große Konzerne haben Aktienrückkaufprogramme laufen. Apple kaufte zwischen 2012 und 2023 eigene Aktien im Wert von über 550 Milliarden Dollar zurück. In Krisen aktivieren Unternehmen diese Programme oft verstärkt, weil die Aktie günstig erscheint. Sie werden damit zum strukturellen Käufer in Schwächephasen.

5. ETF-Sparplan-Investoren – automatischer Dauerkauf

Millionen Privatanleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben ETF-Sparpläne eingerichtet. Diese laufen automatisch – monatlich werden etwa 100, 300 oder 500 Euro investiert, unabhängig vom Kursstand. Im Crash kaufen diese Anleger zu deutlich niedrigeren Preisen und erwerben mehr Anteile pro Euro. In Deutschland allein gibt es nach Zahlen des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) über 9 Millionen ETF-Sparpläne.

Liquiditätsspiralen: Wenn der Mechanismus ins Stocken gerät

In extremen Stressphasen kann die Liquiditätsversorgung vorübergehend zusammenbrechen – nicht weil es keine Käufer gibt, sondern weil Market Maker ihr Risiko zurückziehen und der Spread so weit auseinandergeht, dass praktisch kein fairer Preis mehr entsteht.

Diesen Zustand nennt man Liquiditätsspirale: Fallende Preise zwingen gehebelte Investoren zur Zwangsliquidation (Margin Calls). Diese Zwangsverkäufe drücken den Preis weiter. Noch mehr Margin Calls. Weitere Zwangsverkäufe. In extremen Momenten – wie im März 2020 (COVID-Crash) oder im September 2008 – kam es an Anleihemärkten zu solchen Spiralen.

An großen Aktienbörsen verhindern Circuit Breaker (automatische Handelsunterbrechungen) die schlimmsten Spiralen. An der NYSE werden der Handel bei −7%, −13% und −20% des S&P 500 unterbrochen. Diese Pausen sollen Panik dämpfen und Käufern Zeit geben, Liquidität bereitzustellen.

Das grundlegende Prinzip bleibt: Irgendein Käufer existiert immer – die Frage ist nur, zu welchem Preis. In Krisen ist dieser Preis deutlich niedriger als in normalen Zeiten. Wer antizyklisch kaufen kann und will, findet dort historisch betrachtet attraktive Einstiegspunkte – allerdings verbunden mit erheblicher Unsicherheit, ob und wann sich die Lage stabilisiert.

Häufige Fragen

Kann es vorkommen, dass niemand kauft und ein Handel nicht stattfindet?

In extrem illiquiden Märkten kann ein einzelner Titel tatsächlich keinen Abnehmer finden. An großen Börsen verhindern Market Maker und Circuit Breaker dies für Standardwerte. Bei sehr kleinen Unternehmen (Micro Caps) oder in außerbörslichen Märkten kann es zu einem Handelsausfall kommen – die Aktie wird schlicht nicht mehr gehandelt, bis ein Käufer erscheint. Das ist ein wichtiger Risikoaspekt bei illiquiden Werten.

Was ist ein Market Maker und warum muss er kaufen?

Market Maker sind Banken oder spezialisierte Handelsfirmen, die vertraglich verpflichtet sind, kontinuierlich Kauf- und Verkaufspreise (Quotes) zu stellen. Sie verdienen an der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis (Spread) und müssen auch in turbulenten Phasen Liquidität bereitstellen. Als Gegenleistung erhalten sie von der Börse besondere Handelsprivilegien. In Deutschland sind diese Firmen als Designated Sponsors bekannt.

Was sind Contrarian-Investoren?

Contrarian-Investoren kaufen gezielt dann, wenn die Masse verkauft – und verkaufen, wenn die Masse kauft. Berühmte Beispiele sind Warren Buffett, der in der Finanzkrise 2008/09 massiv Aktien kaufte, oder Howard Marks, Gründer von Oaktree Capital. Die Theorie dahinter: Extreme Stimmungslagen (Fear and Greed Index nahe 0) sind historisch oft Umkehrpunkte. Contrarian-Strategien erfordern starke Nerven und ausreichende Liquiditätsreserven.

Was passiert mit dem Preis, wenn viele gleichzeitig verkaufen?

Der Preis fällt – und zwar so lange, bis er niedrig genug ist, um neue Käufer anzulocken. Das ist der Kern der Preisbildung: Angebot und Nachfrage finden über den Preis zueinander. "Alle verkaufen" bedeutet nicht, dass kein Kurs entsteht, sondern dass der Kurs sehr stark sinkt, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. In liquiden Märkten passiert dies kontinuierlich und in Millisekunden durch algorithmischen Handel.

Kaufen ETF-Sparpläne auch im Crash?

Ja. Wer einen ETF-Sparplan eingerichtet hat, kauft automatisch jeden Monat – unabhängig vom Kursstand. Im Crash kaufen Sparplananleger zu niedrigeren Preisen und erwerben mehr Anteile für denselben Betrag – das ist der sogenannte Cost-Averaging-Effekt. Diese strukturell automatischen Käufe erzeugen im Crash messbaren Kaufdruck. In Deutschland haben allein bei Neobroker-Plattformen wie Trade Republic Millionen Anleger aktive Sparpläne.