Kann Market Timing funktionieren?

Wer die 10 besten Börsentage eines Jahrzehnts verpasst, verliert mehr als die Hälfte seiner Rendite. Was Studien über Market Timing wissen – und welche Strategie stattdessen funktioniert.

Was ist Market Timing?

Market Timing bezeichnet den Versuch, den optimalen Zeitpunkt für den Kauf und Verkauf von Wertpapieren zu identifizieren. Die Idee klingt verlockend: Man steigt kurz vor einem Börsencrash aus, wartet, bis die Kurse gefallen sind, und kauft dann günstig wieder ein. So könnte man – theoretisch – die Verluste vermeiden und gleichzeitig von der Erholung profitieren.

In der Praxis bedeutet Market Timing, zwei Entscheidungen richtig zu treffen: den Ausstiegszeitpunkt (Verkauf bevor der Markt fällt) und den Wiedereinstiegszeitpunkt (Kauf bevor der Markt steigt). Beide müssen stimmen. Beide müssen konsistent über viele Jahre richtig getroffen werden. Das ist das Problem.

Die härtesten Zahlen gegen Market Timing

Die Charles-Schwab-Studie: Die 10 besten Tage entscheiden alles

Eine vielzitierte Analyse von Charles Schwab untersuchte die Rendite eines S&P-500-Investments über 20 Jahre (2003–2022). Das Ergebnis:

  • Wer vollständig investiert blieb: rund 9,8% jährliche Rendite
  • Wer die 10 besten Handelstage verpasste: rund 5,6% jährliche Rendite
  • Wer die 20 besten Handelstage verpasste: rund 2,9% jährliche Rendite
  • Wer die 30 besten Handelstage verpasste: rund 0,4% jährliche Rendite
  • Wer die 40 besten Handelstage verpasste: negativer Gesamtertrag

Das Entscheidende: Die besten Börsentage treten fast immer unmittelbar nach den schlimmsten Tagen auf – mitten in Crash-Phasen. Wer in der Panik verkauft, verpasst genau die Tage, die den größten Teil der langfristigen Rendite ausmachen.

Die DALBAR-Studie: Wie viel Anleger durch Timing verlieren

Das Forschungsinstitut DALBAR (Quantitative Analysis of Investor Behavior) veröffentlicht seit 1994 jährlich eine Untersuchung des tatsächlichen Anlegerverhaltens. Die Kernbotschaft ist über alle Jahre konsistent: Der durchschnittliche US-Aktienfonds-Anleger erzielt 2–3 Prozentpunkte weniger Rendite pro Jahr als der Marktindex selbst.

Bei einem Anlagehorizont von 20 Jahren entspricht das einem gigantischen Unterschied: 7% jährliche Rendite über 20 Jahre auf 10.000 Euro ergibt rund 38.700 Euro. 4% Rendite (also 3 Prozentpunkte weniger) ergibt nur rund 21.900 Euro. Der "Timing-Nachteil" kostet über 16.000 Euro auf eine Anfangsinvestition von 10.000 Euro.

Der Hauptgrund für diese Underperformance laut DALBAR: Anleger kaufen nach starken Kursanstiegen (Gier) und verkaufen nach starken Kursverlusten (Panik) – also exakt das Gegenteil von dem, was sinnvoll wäre.

Die statistische Unmöglichkeit des Market Timings

Angenommen, jemand hat tatsächlich eine Methode mit 60% Trefferquote beim Timing – also in sechs von zehn Fällen liegt er richtig. Das klingt gut. Aber beim Market Timing müssen immer zwei Entscheidungen gleichzeitig richtig sein: Ausstieg UND Wiedereinstieg.

Bei 60% Trefferquote pro Entscheidung liegt die Wahrscheinlichkeit, beide korrekt zu treffen, bei 0,6 × 0,6 = 36%. Die Mehrheit aller Timing-Versuche wäre damit in der Gesamtbetrachtung falsch. Und das setzt voraus, dass man konsistent 60% Trefferquote hat – eine Annahme, für die es in der Praxis kaum Belege gibt.

Hinzu kommt der Steuernachteil: Jeder Verkauf löst in Deutschland, Österreich und Liechtenstein Kapitalertragsteuer aus (in der Schweiz nur unter bestimmten Umständen). Die verkaufte Position muss nach dem Wiedereinstieg eine höhere Rendite erzielen, um den Steuernachteil zu kompensieren.

Was stattdessen funktioniert: Zeit im Markt, nicht Timing

Der Satz "Time in the market beats timing the market" ist kein Slogan – er ist das Ergebnis von Jahrzehnten empirischer Forschung. Die Alternativen zum Market Timing:

Cost Averaging (Durchschnittskostenmethode): Regelmäßig einen festen Betrag investieren, unabhängig vom Kursstand. In der Praxis umgesetzt durch den ETF-Sparplan. Man kauft automatisch mehr Anteile, wenn die Kurse niedrig sind, und weniger, wenn sie hoch sind. Dies senkt den durchschnittlichen Einstandskurs über Zeit.

Buy-and-Hold: Einmalig (oder sukzessive) investieren und das Investment über einen langen Zeitraum halten – Rücksetzer und Krisen bewusst aussitzen. Historisch hat der MSCI World nach jedem Crash neue Höchststände erreicht.

Diese Strategien erfordern emotionale Disziplin. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie entziehen sich dem größten Feind des Anlageerfolgs – dem eigenen Handlungsdrang in Panik- und Euphoriephasen. Dies ist keine Anlageberatung; die individuelle Situation jedes Anlegers unterscheidet sich.

Häufige Fragen

Was genau ist Market Timing?

Market Timing ist der Versuch, den "richtigen" Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf von Aktien oder anderen Wertpapieren zu finden – also Aufwärtsphasen mitzunehmen und Abwärtsphasen zu vermeiden. In der Praxis bedeutet das: aus dem Markt aussteigen, bevor er fällt, und wieder einsteigen, bevor er steigt. Beides konsistent richtig zu treffen, ist empirisch kaum möglich.

Was zeigt die DALBAR-Studie zum Anlageverhalten?

Die jährliche DALBAR-Studie (Quantitative Analysis of Investor Behavior) vergleicht die tatsächlich erzielten Renditen von US-Aktienfondsanlegern mit dem S&P-500-Index. Das Ergebnis über Jahrzehnte: Anleger erzielen im Schnitt 2–3 Prozentpunkte weniger pro Jahr als der Index – hauptsächlich weil sie aus Gier zu spät kaufen und aus Angst zu früh verkaufen. Über 20 Jahre entspricht das einem Renditeverlust von 40–60% des möglichen Endvermögens.

Warum muss man beim Market Timing zweimal recht haben?

Beim Ausstieg aus dem Markt muss man korrekt einschätzen, dass der Markt fallen wird. Beim Wiedereinstieg muss man korrekt einschätzen, dass der Markt wieder steigen wird. Beide Entscheidungen müssen stimmen – und beide müssen zum richtigen Zeitpunkt getroffen werden. Bei einer angenommenen Trefferquote von 60% pro Entscheidung ist die Erfolgswahrscheinlichkeit beider Entscheidungen kombiniert nur 36%.

Was ist Cost Averaging (Durchschnittskostenmethode)?

Cost Averaging bedeutet, regelmäßig einen festen Betrag zu investieren – unabhängig vom aktuellen Kursstand. Bei hohen Kursen kauft man weniger Anteile, bei niedrigen Kursen mehr. Über Zeit sinkt dadurch der durchschnittliche Einstandskurs (Average Cost). Es ist die bekannteste Alternative zum Market Timing und wird durch ETF-Sparpläne automatisch und diszipliniert umgesetzt. Viele Finanzökonomen empfehlen diese Methode für Privatanleger.

Gibt es Ausnahmen – funktioniert Market Timing in manchen Fällen?

Professionelle Hedgefonds-Manager versuchen Market Timing über quantitative Modelle, technische Analyse und makroökonomische Signale – mit gelegentlichem Erfolg. Für die überwiegende Mehrheit der Privatanleger gilt jedoch: Konsistentes, erfolgreiches Market Timing über lange Zeiträume ist empirisch nicht belegbar. Selbst viele professionelle Fondsmanager underperformen langfristig ihren Vergleichsindex, was zahlreiche SPIVA-Studien von S&P Global belegen.