Wie viele Aktien braucht man für echte Diversifikation?

Die Antwort der Forschung: 20–30 gut verteilte Aktien eliminieren rund 90% des vermeidbaren Risikos. Was Korrelation, Markowitz und ETFs damit zu tun haben.

Was Diversifikation wirklich bedeutet

Diversifikation ist das einzige "kostenlose Mittagessen" in der Finanzwelt – so formulierte es Nobel-Ökonom Harry Markowitz. Durch die Streuung auf mehrere Wertpapiere lässt sich das Risiko eines Portfolios reduzieren, ohne dabei zwingend auf Rendite zu verzichten.

Aber wie viele Aktien braucht man dafür? Die intuitive Antwort – "so viele wie möglich" – ist nicht ganz richtig. Ab einer bestimmten Anzahl nimmt der Diversifikationsnutzen jeder zusätzlichen Aktie stark ab. Gleichzeitig steigen Komplexität und Transaktionskosten.

Entscheidend ist außerdem die Art der Streuung: 30 Aktien aus derselben Branche und demselben Land diversifizieren kaum. 15 Aktien aus verschiedenen Sektoren und verschiedenen Weltregionen können besser streuen.

Die Statman-Studie: Wie viele Aktien reichen?

Meir Statman (1987) veröffentlichte eine einflussreiche Studie zum optimalen Portfolioumfang. Die Kernaussage: Mit 20–30 zufällig ausgewählten US-Aktien lassen sich etwa 90–95% des unsystematischen Risikos (firmenbezogenes Risiko) eliminieren. Jede weitere Aktie bringt einen immer kleineren Diversifikationsgewinn.

Konkrete Zahlen aus der Forschung:

  • 1 Aktie: 100% des unsystematischen Risikos vorhanden
  • 5 Aktien: ca. 50% reduziert
  • 10 Aktien: ca. 70% reduziert
  • 20 Aktien: ca. 85% reduziert
  • 30 Aktien: ca. 90% reduziert
  • 100 Aktien: ca. 95% reduziert
  • 1.000 Aktien: nahezu 100% reduziert (aber nicht 100% – Marktrisiko bleibt)

Der abnehmende Grenznutzen ist deutlich: Von 1 auf 30 Aktien ist der Diversifikationsgewinn enorm. Von 30 auf 100 Aktien ist er viel kleiner. Und ein Teil des verbleibenden Risikos – das systematische Marktrisiko (Beta) – lässt sich durch keine Streuung eliminieren.

Systematisches vs. unsystematisches Risiko

Diversifikation eliminiert unsystematisches Risiko (auch idiosynkratisches oder firmenbezogenes Risiko): das Risiko, das einem einzelnen Unternehmen innewohnt – schlechtes Management, ein Bilanzskandal, ein Produktrückruf, Konkurrenz aus dem Nichts. Diese Risiken betreffen einzelne Firmen, nicht den Gesamtmarkt.

Systematisches Risiko (Marktrisiko, Beta) hingegen ist das Risiko des Gesamtmarktes: Rezessionen, Kriege, Pandemien, globale Zinserhöhungen. Wenn der S&P 500 um 40% fällt wie 2008/09, fallen fast alle Aktien. Selbst 10.000 Aktien würden dieses Risiko nicht eliminieren – es ist die unvermeidbare Prämie dafür, dass man am Wirtschaftswachstum teilnimmt.

Markowitz und die Korrelation

Harry Markowitz zeigte 1952, dass für die Diversifikation nicht nur die Anzahl der Aktien, sondern vor allem ihre Korrelation entscheidend ist. Korrelation misst, wie stark sich zwei Wertpapiere zusammen bewegen. Eine Korrelation von +1 bedeutet: beide bewegen sich perfekt identisch – kein Diversifikationsgewinn. Eine Korrelation von 0: unabhängig – maximaler Diversifikationsgewinn. Eine Korrelation von −1: perfekte Gegenläufigkeit – theoretisch vollständige Risikoelimination.

In der Praxis haben die meisten Aktien eine positive Korrelation von 0,3 bis 0,7 – was bedeutet, dass Diversifikation hilft, aber Grenzen hat. Aktien verschiedener Sektoren (z.B. Technologie und Konsumgüter) haben geringere Korrelation als Aktien desselben Sektors. Aktien aus verschiedenen Ländern (z.B. USA und Schwellenländer) haben geringere Korrelation als US-Aktien untereinander.

Das Tückische: In Krisenzeiten steigen die Korrelationen stark an. "Alles fällt gemeinsam" – weil institutionelle Investoren und Privatanleger in Panik alles verkaufen. Genau dann, wenn man Diversifikation am nötigsten hätte, funktioniert sie am schlechtesten. Das ist die bekannte Schwäche.

MSCI World: Die 1.400-Aktien-Lösung

Der MSCI World Index enthält über 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern (Stand 2024). Ein MSCI-World-ETF streut damit automatisch über alle großen Sektoren und Regionen. Für die meisten Privatanleger ist ein solches ETF-Investment die einfachste Methode, nahezu vollständige Diversifikation zu erzielen – ohne Aufwand und mit niedrigen Kosten.

Wer stattdessen ein Einzelaktienportfolio aufbaut, sollte nach dem Stand der Forschung mindestens 15–25 Aktien halten, die über verschiedene Sektoren (Technologie, Gesundheit, Konsumgüter, Finanzen, Energie, Industrie) und verschiedene Regionen (Europa, USA, Asien) gestreut sind. Nur auf einem Markt oder in einem Sektor zu diversifizieren, ist keine echte Diversifikation.

Häufige Fragen

Reichen 10 Aktien für ausreichende Diversifikation?

10 Aktien reduzieren bereits einen spürbaren Teil des unsystematischen Risikos – etwa 70% im Vergleich zu einer einzelnen Aktie. Studien empfehlen jedoch mindestens 20–30 gut über Sektoren und Länder verteilte Aktien, um rund 90% des eliminierbaren Risikos zu reduzieren. Entscheidend ist auch die Qualität der Streuung: 10 Aktien aus verschiedenen Sektoren und Ländern streuen besser als 20 ähnliche Aktien aus demselben Sektor.

Was ist der Unterschied zwischen systematischem und unsystematischem Risiko?

Unsystematisches (idiosynkratisches) Risiko ist das Risiko eines einzelnen Unternehmens oder einer Branche – Bilanzskandal, Produktfehler, schlechtes Management. Es kann durch Diversifikation eliminiert werden. Systematisches Risiko (Marktrisiko, "Beta") ist das Risiko des Gesamtmarktes – Rezessionen, Kriege, globale Krisen. Es kann nicht diversifiziert werden und ist die unvermeidbare Prämie fürs Investieren in Aktien.

Was ist die Markowitz-Portfoliotheorie?

Harry Markowitz entwickelte 1952 die Moderne Portfoliotheorie (Nobelpreis 1990): Durch die Kombination von Wertpapieren mit geringer Korrelation kann man bei gleichem Risiko eine höhere Rendite oder bei gleicher Rendite ein geringeres Risiko erzielen. Das Ergebnis ist die "Effizienzgrenze" – die Menge aller Portfolios mit optimalem Risiko-Rendite-Verhältnis. Die Theorie zeigt: Diversifikation ist keine simple Streuung, sondern die gezielte Kombination gering korrelierter Anlagen.

Warum steigen Korrelationen in Krisen?

In normalen Marktphasen bewegen sich verschiedene Aktien oft unabhängig voneinander (niedrige Korrelationen). In Panikphasen jedoch steigen die Korrelationen stark an – "alles fällt gemeinsam", weil institutionelle Investoren Positionen zwangsweise liquidieren (Margin Calls) und Privatanleger wahllos verkaufen. Das ist die bekannte Schwäche der Diversifikation in Extremszenarien: Sie schützt weniger genau dann, wenn man sie am dringendsten bräuchte.

Ist ein ETF besser diversifiziert als ein Einzelaktien-Portfolio?

Ein MSCI-World-ETF enthält über 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern – eine Diversifikation, die mit Einzelaktien kaum erreichbar und kostspielig wäre (Transaktionskosten, Verwaltungsaufwand). Gleichzeitig ermöglicht ein Einzelaktienportfolio eine gezieltere Auswahl – allerdings mit höherem Risiko, wenn Titelauswahl und Streuung nicht sorgfältig erfolgen. Für die meisten Privatanleger ist der ETF-Ansatz einfacher, kostengünstiger und empirisch mindestens gleich gut.