Was passiert mit meinen Aktien, wenn das Unternehmen pleitegeht?

Aktionäre stehen in der Insolvenzrangfolge ganz unten. Was das konkret bedeutet, was bei Wirecard und Air Berlin passierte, und wie man das Risiko minimiert.

Die Insolvenzrangfolge: Aktionäre zuletzt

Im Insolvenzfall eines Unternehmens regelt die Insolvenzrangfolge, wer wie viel vom verbliebenen Vermögen erhält. Diese Rangfolge ist in Deutschland (Insolvenzordnung, InsO), Österreich (Insolvenzordnung) und der Schweiz (Schuldbetreibungs- und Konkursgesetz, SchKG) ähnlich strukturiert:

  1. Insolvenzverwalter und Verfahrenskosten — werden zuerst bezahlt
  2. Absonderungsrechte — besicherte Gläubiger (z.B. Banken mit Pfandrechten)
  3. Vorrangige Insolvenzgläubiger — z.B. Arbeitnehmer für ausstehende Löhne
  4. Einfache Insolvenzgläubiger — unbesicherte Gläubiger, Anleihegläubiger
  5. Nachrangige Gläubiger — nachrangige Anleihen, Gesellschafterdarlehen
  6. Aktionäre (Eigenkapitalinhaber) — ganz am Ende, erhalten nur etwas, wenn nach vollständiger Befriedigung aller Gläubiger noch Vermögen übrig bleibt

In einer typischen Insolvenz ist die Vermögensmasse erschöpft, bevor die Aktionäre bedient werden. Das Eigenkapital ist per Definition das Restrisiko – man profitiert im Erfolgsfall von unbegrenzten Gewinnen, trägt im Misserfolgsfall aber das gesamte Verlustrisiko.

Wirecard, Air Berlin, Tesla: Drei unterschiedliche Szenarien

Wirecard 2020: Totalverlust durch Betrug

Wirecard war der vielleicht schockierendste Insolvenzfall in der deutschen Börsengeschichte. Im Juni 2020 gab das DAX-Unternehmen zu, dass 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien nicht existierten – eine gigantischer Bilanzfälschung. Das Unternehmen meldete Insolvenz an.

Für Aktionäre war das Ergebnis brutal: Die Aktie fiel von über 100 Euro auf wenige Cent. Praktisch nichts war zu retten, weil das Unternehmen weitgehend auf Betrug basiert hatte – die tatsächliche Vermögensmasse war minimal. Aktionäre verloren nahezu alles. Der Wirecard-Fall illustriert das schlimmste Szenario: Bilanzbetrug plus Insolvenz ergibt Totalverlust.

Air Berlin 2017: Nahezu wertlos, aber nicht null

Als Air Berlin im August 2017 Insolvenz anmeldete, fiel die Aktie sofort um über 60%. Der Handel wurde später ausgesetzt. Die Aktie wurde schließlich aus dem Handel genommen und verlor praktisch ihren gesamten Wert. Teile des Unternehmens wurden von Lufthansa und easyJet übernommen – jedoch erhielten die Aktionäre keinen Erlös daraus, da dieser vollständig an Gläubiger floss.

Tesla 2018: Kurz vor dem Abgrund, dann Überleben

Weniger bekannt: Tesla war 2018 akut insolvenzgefährdet. Elon Musk selbst sagte in einem Interview, Tesla sei damals "a month away from bankruptcy" gewesen. Der Kurs fiel zwischenzeitlich stark. Wer in dieser Panikphase verkaufte, realisierte massive Verluste. Wer hielt, erlebte eine der spektakulärsten Unternehmenserholungen der Börsengeschichte. Dies ist jedoch eine Ausnahme, nicht die Regel.

Insolvenz vs. Sanierung: Ein entscheidender Unterschied

Nicht jede Insolvenz endet mit Liquidation. Besonders in den USA ist das Chapter-11-Verfahren (Gläubigerschutz) ein wichtiges Instrument zur Sanierung: Das Unternehmen kann unter Insolvenzschutz weiter operieren, während es Schulden restrukturiert und einen Sanierungsplan erarbeitet.

Bekannte Chapter-11-Fälle: General Motors (2009), Delta Airlines (2005), United Airlines (2002), Hertz (2020). In diesen Fällen wurden häufig alte Aktionäre nahezu vollständig verwässert oder enteignet, während neue Aktien ausgegeben wurden. Wer die "alten" Aktien hielt, verlor fast alles; wer die "neuen" Aktien nach der Sanierung kaufte, konnte profitieren.

In Deutschland gibt es mit dem Schutzschirmverfahren (§ 270b InsO) eine ähnliche Möglichkeit: Das Unternehmen beantragt frühzeitig Insolvenzschutz und erarbeitet unter Aufsicht einen Sanierungsplan. Auch hier: Aktionäre gehen fast immer leer aus oder erleiden massive Verluste, selbst wenn das Unternehmen fortgeführt wird.

Schutzmaßnahmen: Was Anleger tun können

Diversifikation ist der wirksamste Schutz. Wer 50 verschiedene Aktien hält und eines der Unternehmen insolvent wird, verliert 2% seines Portfolios. Wer nur eine Aktie hält, verliert alles. Der MSCI World umfasst mehr als 1.400 Unternehmen – ein Insolvenz einzelner Firmen schadet dem Index kaum.

In Bezug auf die Steuer: In Deutschland können realisierte Verluste aus dem Verkauf von Aktien (oder aus wertlos gewordenen, ausgebuchten Positionen) mit Gewinnen aus anderen Aktienverkäufen verrechnet werden. Die Verlustverrechnungstopf-Regelung für Aktien (seit 2020 auf 20.000 Euro pro Jahr begrenzt) ist dabei zu beachten. Anleger sollten bei wertlos gewordenen Aktien prüfen, ob eine steuerlich relevante Ausbuchung möglich ist.

Häufige Fragen

Verliere ich bei einer Insolvenz immer mein gesamtes Aktienkapital?

Nicht zwingend – aber sehr häufig. Bei Totalinsolvenz ohne ausreichende Vermögensmasse erhalten Aktionäre in der Regel nichts. Bei Sanierungen (z.B. unter Gläubigerschutz) können Aktien stark an Wert verlieren, aber einen Restwert behalten oder nach der Sanierung wieder steigen – allerdings oft unter massiver Verwässerung durch neue Aktienemissionen. Ein Szenario wie bei Tesla (knapp überlebt) ist deutlich seltener als ein vollständiger Verlust.

Was ist der Unterschied zwischen Insolvenz und Sanierung?

Bei einer Sanierung (in den USA: Chapter 11, in Deutschland: Schutzschirmverfahren) wird das Unternehmen umstrukturiert, Schulden werden gestreckt oder teilweise erlassen, und das Unternehmen kann weiter operieren. Aktionäre verlieren oft viel, aber nicht zwingend alles. Bei Totalinsolvenz (Liquidation, Chapter 7 in USA / Regelinsolvenz in Deutschland) wird das Unternehmen aufgelöst und das Vermögen verteilt – Aktionäre gehen fast immer leer aus.

Sind Aktien im Depot durch die Einlagensicherung geschützt?

Aktien sind Sondervermögen und deshalb nicht Teil der Insolvenzmasse des Brokers oder der Depotbank. Sie sind damit vor der Insolvenz des Depotanbieters geschützt – im Unterschied zu Bankguthaben. Das Risiko liegt im Unternehmen, dessen Aktie man hält – nicht im Broker. Die Einlagensicherung (bis zu 100.000 Euro in der EU) schützt nur Bargeldguthaben auf Bankkonten, nicht Wertpapiere.

Wie kann man Insolvenz-Verluste steuerlich geltend machen?

In Deutschland können Verluste aus dem Verkauf von Aktien mit Gewinnen aus anderen Aktienverkäufen verrechnet werden (Verlustverrechnungstopf Aktien). Seit 2020 ist die Verrechnung auf 20.000 Euro pro Jahr begrenzt; übersteigende Verluste werden ins Folgejahr vorgetragen. Bei wertlos ausgebuchten Aktien sollte man beim Broker eine steuerliche Bescheinigung anfordern. In Österreich und der Schweiz gelten andere Regelungen – eine individuelle steuerliche Beratung ist empfohlen.

Kann eine Aktie nach einer Insolvenz wieder steigen?

Ja, aber meist handelt es sich dann um eine "neue" Aktie nach der Sanierung, nicht die alte. Bei General Motors (2009) verloren alte GM-Aktionäre nahezu alles. Das sanierte "neue GM" wurde 2010 neu an die Börse gebracht und stieg danach. Wer die alten Aktien gehalten hatte, profitierte davon nicht. Aktionäre, die während der Panik hielten und dann die neuen Aktien erhielten, hatten unterschiedliche Ergebnisse je nach Sanierungsbedingungen.