Ankereffekt an der Börse: Warum Einstandskurse trügen

„Ich kaufe erst wieder, wenn die Aktie auf 80 Euro zurückkommt" — dieser Satz ist ein Lehrbuchbeispiel für den Ankereffekt. Die erste Zahl, die wir sehen, prägt unsere Entscheidungen stärker als alle rationalen Argumente.

1974
Erstmals beschrieben von Kahneman & Tversky in „Judgment under Uncertainty"
Anker
Die erste Information dominiert alle nachfolgenden Einschätzungen — auch wenn sie irrelevant ist
Kurs≠Wert
Ein historischer Kurs sagt nichts über den aktuellen fairen Wert einer Aktie aus

Was ist der Ankereffekt? Das Ursprungsexperiment

Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben den Ankereffekt 1974 in ihrem wegweisenden Aufsatz „Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases". Sie zeigten, dass Menschen bei numerischen Schätzungen systematisch von einer willkürlichen Zahl beeinflusst werden — selbst dann, wenn sie wissen, dass diese Zahl zufällig und irrelevant ist.

Im klassischen Experiment drehten die Forscher vor den Augen der Versuchspersonen ein Glücksrad, das zufällig entweder auf 10 oder 65 stoppte. Anschließend wurden die Teilnehmer gefragt: „Wie hoch ist der Anteil afrikanischer Länder in der UN in Prozent?" Wer das Rad bei 10 gesehen hatte, schätzte im Schnitt 25%. Wer 65 gesehen hatte, schätzte im Schnitt 45%. Die völlig irrelevante Zahl vom Glücksrad hatte die Schätzung massiv beeinflusst.

Dieser Mechanismus — der Ankereffekt oder Anchoring Bias — funktioniert bei praktisch jedem Menschen, unabhängig von Intelligenz oder Bildung. Er ist tief in der Art verankert, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet: Wir nehmen die erste verfügbare Information als Ausgangspunkt und passen unsere Einschätzung von dort aus an. Dieses Anpassen ist aber in aller Regel unzureichend — wir bewegen uns zu wenig vom Anker weg.

An der Börse ist dieser Effekt allgegenwärtig und kostet Anleger jährlich Rendite. Die gute Nachricht: Wer den Ankereffekt kennt, kann ihn zumindest teilweise kompensieren.

Ankereffekt an der Börse: Die häufigsten Ausprägungen

Der Ankereffekt manifestiert sich im Börsenkontext in verschiedenen, sehr konkreten Situationen:

Der Einstandskurs als Anker

Das klassischste Beispiel: Ein Anleger kauft eine Aktie bei 80 Euro. Die Aktie fällt auf 50 Euro. Jetzt wartet er darauf, dass die Aktie „wieder auf seinen Einstandskurs zurückkommt", bevor er verkauft. Der Einstandskurs von 80 Euro hat sich als Anker festgesetzt.

Das Problem dabei: Der frühere Kurs von 80 Euro enthält keinerlei Information über den künftigen Kursverlauf. Die Aktie könnte auf 20 Euro fallen oder auf 120 Euro steigen — ihr Einstandskurs ändert daran nichts. Das Unternehmen hinter der Aktie weiß nicht, was der Anleger bezahlt hat. Der Markt weiß es nicht. Nur der Anleger weiß es — und das schadet ihm.

Die rationale Frage lautet nicht „Wann kommt die Aktie auf 80 Euro zurück?", sondern: „Ist das Unternehmen zum heutigen Kurs von 50 Euro fair bewertet — und würde ich die Aktie heute kaufen, wenn ich sie noch nicht besäße?"

Historische Allzeithochs als Anker

Ein weiteres häufiges Muster: „Der DAX stand mal bei 18.000 Punkten — bei 15.000 ist er also günstig." Auch hier dient ein historischer Kurs als Anker für die Einschätzung des aktuellen Niveaus. Tatsächlich hängt die Frage, ob der DAX bei 15.000 günstig oder teuer ist, von den aktuellen und erwarteten Unternehmensgewinnen ab, nicht vom früheren Indexstand. Ein Index bei 15.000 mit stark gesunkenen Gewinnen kann teurer sein als derselbe Index bei 18.000 mit stark gestiegenen Gewinnen.

IPO-Preise und Ausgabepreise als Anker

Bei Börsengängen setzen Anleger häufig den Ausgabepreis als Anker. Wenn eine Aktie unter dem Ausgabepreis notiert, gilt sie vielen als „günstig" — obwohl der Ausgabepreis oft bewusst ambitioniert gesetzt war und ein Kurs unter dem Ausgabepreis schlicht bedeutet, dass der Markt das Unternehmen günstiger bewertet als die Investmentbanken beim IPO.

Ankereffekt bei Analystenempfehlungen

Auch professionelle Analysten sind nicht immun gegen den Ankereffekt. Studien zeigen systematisch, dass Analysten ihre Kursziele zu graduell anpassen: Wenn ein Unternehmen schlechte Nachrichten liefert, senken Analysten ihre Kursziele, aber oft weniger stark als rational gerechtfertigt. Das alte Kursziel fungiert als Anker und bremst die Anpassung. Umgekehrt gilt dasselbe bei guten Nachrichten. Diese Trägheit in der Anpassung von Kurszielen ist in der akademischen Literatur gut dokumentiert.

52-Wochen-Hoch und 52-Wochen-Tief als Anker

Viele Finanzplattformen zeigen neben dem aktuellen Kurs das 52-Wochen-Hoch und 52-Wochen-Tief einer Aktie. Diese Zahlen dienen ungewollt als Anker. Eine Aktie nahe dem 52-Wochen-Tief wird als „günstig" wahrgenommen, eine nahe dem 52-Wochen-Hoch als „teuer" — dabei sagen diese Kennzahlen allein über die Fundamentalbewertung nichts aus. Eine Aktie kann aus gutem Grund auf ein 52-Wochen-Tief gefallen sein (nachhaltig schlechtere Aussichten) oder aus gutem Grund auf ein 52-Wochen-Hoch gestiegen sein (nachhaltig bessere Fundamentaldaten).

Der Mentalwechsel: Von historischen Kursen zu Fundamentaldaten

Der entscheidende Schritt zum Überwinden des Ankereffekts ist ein Paradigmenwechsel in der Fragestellung: weg von „Wo war der Kurs?" hin zu „Was ist der faire Wert?"

In der Praxis bedeutet das:

  • Bewertungskennzahlen statt Kursentwicklung: Ist das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis), das EV/EBITDA oder das KBV im historischen Vergleich hoch oder niedrig? Diese Kennzahlen relativieren den Kurs zu den Unternehmensgewinnen und -werten.
  • Nullbasis-Test: Bei jeder bestehenden Position stellt man sich vor, die Aktie noch nicht zu besitzen. Würde man sie zum aktuellen Kurs kaufen? Wenn Nein — warum hält man sie dann?
  • Zukunftsperspektiven zählen: Wie ist das Gewinnwachstum der nächsten drei bis fünf Jahre? Wie ist die Wettbewerbsposition? Diese Faktoren bestimmen den künftigen Kurs — historische Kurse tun das nicht.
  • Mehrere unabhängige Einschätzungen einholen: Wer vor einer Investitionsentscheidung nur eine Quelle konsultiert, übernimmt unkritisch deren Anker. Unterschiedliche Quellen mit unterschiedlichen Ausgangspunkten helfen, den Blick zu weiten.

Die entscheidende Frage gegen den Ankereffekt

Vor einer Kaufentscheidung oder beim Halten einer Position hilft diese Frage: diese Frage: „Wenn ich diese Aktie noch nicht besäße und nur den heutigen Kurs und die heutigen Fundamentaldaten kenne — würde ich sie kaufen?"

Wenn Nein, spricht das eher gegen das Halten der Position. Der Einstandskurs, das frühere Allzeithoch oder das 52-Wochen-Tief spielen dabei keine Rolle.

Ankereffekt und Marktbewertungen: Ist der Markt „teuer" oder „günstig"?

Auch die Einschätzung des Gesamtmarkts ist anfällig für Ankereffekte. Wenn der S&P 500 über mehrere Jahre stark gestiegen ist, fühlt er sich „teuer" an — weil der vergangene, tiefere Stand als Anker dient. Wenn er stark gefallen ist, fühlt er sich „günstig" an.

Dabei hängt die Marktbewertung primär von den Unternehmensgewinnen und dem Zinsniveau ab. Ein S&P 500 bei 5.000 Punkten kann günstiger sein als derselbe bei 3.000 Punkten, wenn die Unternehmensgewinne inzwischen stark gestiegen und die Zinsen gesunken sind. Das Shiller-KGV (CAPE Ratio) — das die Kurse zu inflationsbereinigten Durchschnittsgewinnen der letzten zehn Jahre ins Verhältnis setzt — ist ein besseres Maß für die Marktbewertung als der absolute Indexstand.

Wer den Ankereffekt versteht, investiert nicht mit dem Blick zurück auf historische Kurse, sondern mit dem Blick vorwärts auf zukünftige Gewinnperspektiven und Bewertungskennzahlen.

Häufige Fragen zum Ankereffekt (FAQ)

Was ist der Ankereffekt (Anchoring Bias)?

Der Ankereffekt beschreibt die kognitive Verzerrung, dass Menschen bei Urteilen und Entscheidungen unverhältnismäßig stark von der ersten Information abhängen, die sie erhalten — dem "Anker". Kahneman und Tversky beschrieben diesen Effekt erstmals 1974. Im klassischen Experiment beeinflusste die Zahl auf einem zufällig gedrehten Glücksrad die nachfolgenden Schätzungen der Versuchspersonen stark — obwohl die Verbindung zwischen Glücksrad und Schätzfrage völlig willkürlich war. An der Börse manifestiert er sich am häufigsten als Fixierung auf den Einstandskurs einer Aktie.

Warum ist der Einstandskurs für künftige Investitionsentscheidungen irrelevant?

Der Einstandskurs ist eine Vergangenheitsinformation, die über die künftige Wertentwicklung einer Aktie keinerlei Aussage macht. Eine Aktie, die von 100 auf 60 Euro gefallen ist, ist nicht "günstig", weil sie früher teurer war — sie ist nur günstig oder teuer relativ zu ihrem fairen Wert heute. Dieser faire Wert hängt von den künftigen Gewinnen, dem Wachstum und dem Wettbewerbsumfeld des Unternehmens ab, nicht vom historischen Kurs. Die entscheidende Frage lautet stets: Würde ich die Aktie zum heutigen Kurs kaufen, wenn ich sie noch nicht besäße?

Wie beeinflusst der Ankereffekt Analysten-Kursziele?

Studien zeigen, dass Analysten bei der Festlegung von Kurszielen stark vom aktuellen Kurs oder vom letzten Kursziel beeinflusst werden. Kurszielsenkungen oder -erhöhungen fallen häufig zu moderat aus — Analysten passen ihre Schätzungen schrittweise an, statt einen Neustart vorzunehmen. Dieses Verhalten ist teilweise durch soziale Dynamiken erklärbar (drastische Änderungen erfordern mehr Erklärung), wird aber durch den Ankereffekt verstärkt. Das Ergebnis: Kurszielrevisionen hinken der tatsächlichen Unternehmensentwicklung häufig hinterher.

Wie kann man den Ankereffekt beim Investieren überwinden?

Die wichtigsten Strategien: Erstens, bei jeder Entscheidung explizit fragen: "Würde ich diese Position heute neu aufbauen?" Zweitens, Kursziele und Entscheidungen auf Fundamentaldaten stützen (Bewertungskennzahlen wie KGV, EV/EBITDA, Gewinnwachstum), nicht auf historische Kurse. Drittens, mehrere unabhängige Einschätzungen einholen, bevor man entscheidet — verschiedene Ausgangspunkte erzeugen verschiedene Anker und helfen, den eigenen zu relativieren. Viertens, die eigene erste Einschätzung bewusst in Frage stellen und aktiv Gegenargumente suchen.

Was ist der Unterschied zwischen Ankereffekt und Verlustangst?

Beide sind kognitive Verzerrungen aus der Verhaltensökonomie, haben aber unterschiedliche Mechanismen. Der Ankereffekt beschreibt die Fixierung auf eine Referenzinformation — etwa den Einstandskurs einer Aktie. Verlustangst beschreibt die asymmetrische Gewichtung von Verlusten gegenüber Gewinnen: Verluste schmerzen etwa doppelt so stark wie gleich große Gewinne beglücken. Beide können sich gegenseitig verstärken: Der Einstandskurs dient als Anker, und die Verlustangst hält den Anleger davon ab, eine Position unter dem Einstandskurs zu schließen — selbst wenn dies rational wäre.