Herdentrieb an der Börse: Wenn alle kaufen oder alle verkaufen

Der Herdentrieb lässt uns an Börsenhochs einsteigen und an Tiefs aussteigen — genau das Gegenteil von dem, was rational sinnvoll wäre. DALBAR misst diesen Fehler seit drei Jahrzehnten: 2–3% Renditeabzug pro Jahr.

−2 bis −3 %
Rendite p.a. verliert der durchschnittliche Anleger gegenüber dem S&P 500 (DALBAR-Studie, 30 Jahre)
März 2000
Nasdaq-Allzeithoch — kurz bevor die Dotcom-Blase platzte und Millionen Anleger Verluste erlitten
März 2020
Corona-Crash-Tief — wer hier verkaufte, verpasste eine der besten Erholungen der Geschichte

Was ist der Herdentrieb? Evolutionäre Wurzeln eines kostspieligen Fehlers

Der Herdentrieb — in der Verhaltensökonomie auch als Herding Bias oder Herdenverhalten bezeichnet — ist die Tendenz von Menschen, die Entscheidungen anderer zu imitieren, statt unabhängig zu urteilen. In der Evolution war dieses Verhalten überlebenswichtig: Wenn die Herde flieht, ist Folgen klüger als stehen bleiben und nachdenken, ob die Bedrohung tatsächlich ernst ist.

An den Finanzmärkten kehrt sich diese evolutionäre Stärke in einen systematischen Nachteil um. An der Börse ist das, was die Herde gerade tut, häufig das Schlechteste, was man tun kann:

  • Wenn alle begeistert kaufen, sind Kurse häufig bereits hoch — man kauft in eine Überbewertung hinein.
  • Wenn alle panisch verkaufen, sind Kurse häufig bereits tief — man verkauft in eine Unterbewertung hinein.

Das Ergebnis: Der durchschnittliche Anleger kauft teuer und verkauft günstig — eine Renditeformel, die zwangsläufig in Underperformance endet.

Die Dotcom-Blase 1999–2000: Herdentrieb im Extremmaßstab

Die Dotcom-Blase ist das Paradebeispiel für kollektiven Herdentrieb. Zwischen 1995 und März 2000 stieg der Nasdaq Composite von rund 750 auf über 5.000 Punkte — ein Plus von fast 600% in fünf Jahren. Und je stärker der Anstieg, desto mehr Anleger wollten dabei sein.

In diesem Umfeld wurden Unternehmen ohne Umsatz und ohne Gewinnperspektive zu Milliardenwerten bewertet. Amazon wies ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 1.000 auf. Pets.com, eine Online-Plattform für Tierfutter, hatte bei ihrem Börsengang im Februar 2000 einen Börsenwert von 290 Millionen Dollar — obwohl das Unternehmen mit jedem verkauften Artikel Verluste machte (Tierfutter kostet mehr Versandkosten, als es einbringt). Neun Monate nach dem IPO war das Unternehmen pleite.

Warum kauften trotzdem Millionen Anleger — auch professionelle Fondsmanager? Weil alle anderen es auch taten. Niemand wollte die Hausse verpassen. Die Herde lief, also lief man mit.

Im März 2000 platzte die Blase. Der Nasdaq fiel von 5.048 auf 1.114 Punkte — ein Minus von 78% bis Oktober 2002. Viele Anleger, die erst kurz vor dem Höchststand eingestiegen waren, verloren 70–90% ihres Kapitals.

Der Corona-Crash März 2020: Herdentrieb in die andere Richtung

Herdentrieb funktioniert auch in die andere Richtung: kollektive Panik. Im Februar und März 2020, als COVID-19 als globale Pandemie ausgerufen wurde und Lockdowns verhängt wurden, fiel der S&P 500 in 33 Handelstagen um 34% — der schnellste Crash der Geschichte.

Gleichzeitig verzeichneten Fondsgesellschaften massive Mittelabflüsse. Laut Morningstar-Daten zogen Anleger im März 2020 allein aus US-Aktienfonds über 326 Milliarden Dollar ab. Die Herde verkaufte.

Was folgte, war die schnellste Erholung in der Geschichte des S&P 500: Bereits im August 2020 — nur fünf Monate nach dem Tief — erreichte der Index neue Allzeithochs. Wer im März 2020 in Panik verkauft hatte, saß auf realisierten Verlusten und verpasste gleichzeitig die vollständige Erholung.

„Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind."
— Warren Buffett, Aktionärsbrief 1986; seitdem eines der meistzitierten Bonmots der Finanzwelt

DALBAR-Studie: Wie teuer Herdentrieb wirklich ist

Die DALBAR Inc. (Quantitative Analysis of Investor Behavior) veröffentlicht seit 1994 jährlich eine der aufschlussreichsten Studien der Finanzwelt: Sie vergleicht die tatsächlich erzielten Renditen von Fondsanlegern mit der Marktrendite des S&P 500.

Das Ergebnis ist über drei Jahrzehnte erschreckend konsistent:

  • Der S&P 500 erzielte in den 20 Jahren von 2003 bis 2022 eine durchschnittliche Jahresrendite von 9,65%.
  • Der durchschnittliche Anleger in US-Aktienfonds erzielte im selben Zeitraum nur 6,81%.
  • Das entspricht einem jährlichen Renditeabzug von 2,84 Prozentpunkten.

Bei einem Startkapital von 50.000 Euro über 20 Jahre bedeutet dieser Unterschied: 7% Rendite ergeben rund 193.000 Euro, 9,65% ergeben rund 328.000 Euro. Der Herdentrieb kostet also über 135.000 Euro — fast dreimal das Startkapital.

Hauptursache für diese Lücke: schlechtes Market Timing. Anleger kaufen nach starken Anstiegen (wenn Euphorie herrscht) und verkaufen nach starken Rücksetzern (wenn Panik herrscht) — ein direktes Abbild des Herdentriebs.

Sentiment-Indikatoren: Die Stimmung der Herde messen

Wer gegen den Herdentrieb investieren möchte, kann Sentiment-Indikatoren als Orientierungshilfe nutzen:

Fear (Angst)

Fear & Greed Index unter 25: Extreme Angst am Markt. Historisch oft mit günstigen Einstiegspunkten verbunden. Buffetts "gierig sein, wenn andere ängstlich sind."

Greed (Gier)

Fear & Greed Index über 75: Extreme Gier am Markt. Historisch oft mit erhöhten Rückschlagsrisiken verbunden. "Ängstlich sein, wenn andere gierig sind."

Der Fear & Greed Index von CNN Business misst die aktuelle Marktstimmung auf einer Skala von 0 (Extreme Angst) bis 100 (Extreme Gier) anhand von sieben Indikatoren: Marktmomentum (S&P 500 vs. 125-Tage-Durchschnitt), Marktbreite (Verhältnis steigender zu fallender Aktien), Put/Call-Verhältnis, Marktvolatilität (VIX), Junk-Bond-Nachfrage, Safe-Haven-Nachfrage und Aktienpreisbreite.

Wichtig: Der Fear & Greed Index ist kein präzises Timing-Tool. Märkte können länger in extremen Stimmungslagen verharren, als man glaubt. Er eignet sich eher als grober Orientierungsrahmen: Wenn er bei 10 steht und alle panisch verkaufen, ist Kaufen zumindest nicht falsch. Wenn er bei 95 steht und alle euphorisch sind, ist Zurückhaltung angemessen.

Ein weiterer nützlicher Indikator: Der AAII Sentiment Survey (American Association of Individual Investors) befragt wöchentlich seine Mitglieder nach ihrer Markterwartung für die nächsten sechs Monate. Extreme bullische oder bearische Stimmungswerte haben historisch als Contrarian-Signale funktioniert.

Gegenmittel: Wie man den Herdentrieb überwindet

Es gibt konkrete Strategien, um den Herdentrieb zu bekämpfen:

Automatischer Sparplan: Der wirkungsvollste Schutz

Ein monatlicher ETF-Sparplan kauft automatisch und regelmäßig — unabhängig davon, ob der Markt gerade steigt oder fällt, ob andere euphorisch oder panisch sind. Wer im März 2020 einen laufenden Sparplan hatte, kaufte automatisch zu Tiefkursen — und profitierte von der Erholung. Kein emotionales Urteil, kein Herdentrieb.

Investment Policy Statement

Ein schriftlich festgehaltenes Regelwerk (Investment Policy Statement) definiert vorab: Wann kaufe ich? Wann verkaufe ich? Wie reagiere ich auf Markteinbrüche? Wenn die Herde panikverkauft, kann man in dieses Dokument schauen und feststellen: "Ich verkaufe nur bei veränderten Lebensumständen, nicht bei Kursrückgängen." Das schriftliche Regelwerk ist rationaler als die Emotionen des Moments.

Contrarian Investing als aktive Strategie

Contrarian Investing bedeutet, bewusst gegen die Herde zu investieren. Bekannte Contrarians wie John Templeton (kaufte Aktien nach dem Zweiten Weltkrieg, als alle verkauften), Warren Buffett (kaufte in der Finanzkrise 2008/09, als Banken zusammenbrachen) und Howard Marks (kaufte Junk Bonds in der Krise 2009) haben damit langfristig exzellente Renditen erzielt. Die Strategie ist psychologisch schwierig: Man handelt gegen seine eigenen Instinkte und gegen den sozialen Konsens. Aber genau darin liegt der Renditevorteil.

Häufige Fragen zum Herdentrieb (FAQ)

Was ist der Herdentrieb (Herding Bias) an der Börse?

Herdentrieb beschreibt das Phänomen, dass Menschen die Entscheidungen anderer imitieren, statt unabhängig zu urteilen — oft unbewusst. An der Börse äußert sich das als kollektiver Kaufrausch in Bullenmärkten und kollektive Panik in Bärenmärkten. Evolutionär ist es rational, der Gruppe zu folgen; an Finanzmärkten führt es jedoch systematisch dazu, hoch zu kaufen und niedrig zu verkaufen. Das ist das genaue Gegenteil einer renditeoptimierenden Strategie.

Was sagt die DALBAR-Studie über den Herdentrieb?

Die jährliche DALBAR-Studie (Quantitative Analysis of Investor Behavior) misst seit 1994 die tatsächlich erzielten Renditen von Privatanlegern versus dem Marktindex. Das Ergebnis ist konsistent: Der durchschnittliche Anleger erzielt über 20 Jahre 2 bis 3 Prozentpunkte weniger Rendite pro Jahr als der S&P 500. Der Hauptgrund ist schlechtes Market Timing — Anleger kaufen nach starken Anstiegen (wenn alle begeistert sind) und verkaufen nach starken Rücksetzern (wenn alle verängstigt sind). Bei 50.000 Euro Startkapital über 20 Jahre bedeutet diese Renditedifferenz einen Unterschied von über 100.000 Euro.

Was ist der Fear & Greed Index?

Der Fear & Greed Index von CNN Business misst die aktuelle Marktstimmung auf einer Skala von 0 (Extreme Fear / Extreme Angst) bis 100 (Extreme Greed / Extreme Gier) anhand von sieben Indikatoren: Marktmomentum, Aktienpreisbreite, Put/Call-Verhältnis, Volatilität (VIX), Junk-Bond-Nachfrage, Marktbreite und Safe-Haven-Nachfrage. Als Contrarian-Indikator ist extremes Pessimismus (Index unter 25) historisch häufig mit günstigen Kaufzeitpunkten verbunden, extreme Gier (Index über 75) mit erhöhten Rückschlagsrisiken. Er ist kein Timing-Tool, sondern ein Stimmungsbarometer.

Wie kann man den Herdentrieb beim Investieren überwinden?

Die effektivsten Strategien: Erstens, einen automatischen ETF-Sparplan einrichten — er kauft mechanisch, unabhängig von Marktstimmung und sozialen Signalen. Zweitens, ein schriftliches Investment Policy Statement formulieren, das Regeln für Kauf, Halten und Verkauf definiert. Drittens, Sentiment-Indikatoren wie den Fear & Greed Index als Contrarian-Signal nutzen: Extreme Angst ist oft ein Kaufsignal, extreme Gier ein Warnsignal. Viertens, das Buffett-Zitat als Mantra verinnern: "Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind."

Was ist Contrarian Investing?

Contrarian Investing bezeichnet eine Anlagestrategie, die bewusst gegen die vorherrschende Marktstimmung investiert — also kauft, wenn die Mehrheit verkauft, und reduziert, wenn die Mehrheit kauft. Berühmte Contrarians sind Warren Buffett (kaufte in der Finanzkrise 2008/09), John Templeton (kaufte nach dem Zweiten Weltkrieg) und Howard Marks (kaufte Junk Bonds in der Krise 2009). Die Strategie ist psychologisch schwierig, weil man aktiv gegen seine Instinkte handeln muss. Empirisch haben Contrarian-Ansätze langfristig überdurchschnittliche Renditen erzielt, erfordern aber starke Nerven in Krisenphasen.