Was ist Overconfidence Bias? Das Konzept der Selbstüberschätzung
Der Overconfidence Bias — auf Deutsch: Selbstüberschätzung oder Überzeugungsverzerrung — ist eine der am besten dokumentierten kognitiven Verzerrungen der Psychologie. Er beschreibt die systematische Tendenz, die eigenen Fähigkeiten, die Genauigkeit eigener Prognosen und den eigenen Wissensstand zu überschätzen.
Das klassische Demonstrationsbeispiel stammt aus der Verkehrspsychologie: In einer viel zitierten Studie schätzten 80–90% aller Autofahrer ihre Fahrkünste als überdurchschnittlich ein. Das ist mathematisch unmöglich — die Hälfte aller Fahrer muss per Definition unterdurchschnittlich sein. Dennoch ist die Überzeugung, besser als der Durchschnitt zu sein, überaus verbreitet.
Übertragen auf die Börse bedeutet Overconfidence: Anleger überschätzen ihre Fähigkeit, unterbewertete Aktien zu identifizieren, den richtigen Kauf- und Verkaufszeitpunkt zu treffen und den Markt langfristig zu schlagen. Das Ergebnis ist übermäßiges Handeln, zu konzentrierte Portfolios und systematische Underperformance.
Überzeugungsquellen: Woher kommt die Selbstüberschätzung?
Overconfidence hat mehrere sich gegenseitig verstärkende Quellen:
1. Kontrollillusion
Menschen tendieren dazu, zufällige Ereignisse als kontrollierbar wahrzunehmen, wenn sie aktiv daran beteiligt sind. Bei Würfelspielen werfen viele Menschen die Würfel stärker, wenn sie eine hohe Zahl wollen. An der Börse: Wer eine Aktie aktiv ausgewählt hat, neigt dazu zu glauben, deren Kursbewegungen beeinflussen zu können oder vorherzusagen. Diese Kontrollillusion fördert übermäßiges Handeln.
2. Rückschaufehler (Hindsight Bias)
Nach einem Börsencrash sagen viele: „Ich wusste doch, dass das passieren würde." Nach einem Kursanstieg: „Das war klar." Der Rückschaufehler (Hindsight Bias) beschreibt die Tendenz, im Nachhinein zu glauben, ein Ereignis vorhergesehen zu haben — obwohl die Prognose im Voraus gar nicht oder nicht so klar stattgefunden hat. Dieser Fehler stärkt die Selbstüberschätzung: Man erinnert sich an die richtigen Prognosen und vergisst die falschen.
3. Selektive Erinnerung
Das menschliche Gedächtnis ist kein objektives Aufzeichnungsgerät. Wir erinnern uns besonders gut an unsere Erfolge (die Aktie, die sich verdreifacht hat) und vergessen oder verklären unsere Misserfolge (die Aktie, die um 90% gefallen ist). Das führt zu einer systematischen Verzerrung der eigenen Erfolgsgeschichte nach oben.
4. Planning Fallacy
Die Planning Fallacy — ebenfalls von Kahneman und Tversky beschrieben — bezeichnet die Tendenz, bei der Planung von Projekten Zeit, Kosten und Risiken systematisch zu unterschätzen. An der Börse: Anleger unterschätzen systematisch die Volatilität von Einzelaktien, das Risiko von Unternehmensinsolvenzen und die Wahrscheinlichkeit negativer Entwicklungen.
Barber & Odean 2001: „Boys will be Boys" — Zahlen zur Selbstüberschätzung
Studie: Barber & Odean (2001) — "Boys will be Boys: Gender, Overconfidence, and Common Stock Investment"
Datengrundlage: 35.000 Haushalte einer US-Discount-Brokerage, 1991–1997
Kernbefunde:
- Männer handelten im Durchschnitt 45% häufiger als Frauen.
- Alleinstehende Männer handelten sogar 67% häufiger als alleinstehende Frauen.
- Männer erzielten nach Kosten durchschnittlich 1,4 Prozentpunkte weniger Rendite pro Jahr als Frauen.
- Alleinstehende Männer erzielten sogar 2,3 Prozentpunkte weniger als alleinstehende Frauen.
Die Forscher interpretierten das häufigere Handeln von Männern als Ausdruck höherer Überzeugung von der eigenen Aktienwahl — klassischer Overconfidence Bias. Da häufiges Handeln Transaktionskosten verursacht und oft schlechter diversifiziert, führt es zu niedrigerer Nettorendite.
Wichtig: Diese Studie zeigt nicht, dass Frauen bessere Anleger sind per se. Sie zeigt, dass weniger häufiges Handeln — bedingt durch geringere Selbstüberschätzung — zu besseren Ergebnissen führt. Buy-and-Hold-Männer schnitten genauso gut ab wie Buy-and-Hold-Frauen.
SPIVA: Selbstüberschätzung bei professionellen Fondsmanagern
Der Overconfidence Bias ist kein Phänomen des privaten Kleinanlegers. Er trifft ebenso professionelle Fondsmanager — vielleicht sogar stärker, weil die Arbeit im aktiven Fondsmanagement die permanente Überzeugung erfordert, besser als der Markt zu sein.
Das SPIVA-Scoreboard (S&P Indices Versus Active) von S&P Global misst vierteljährlich, wie viele aktiv verwaltete Fonds ihre jeweilige Benchmark nach Kosten übertreffen. Die Ergebnisse sind konsistent über alle Zeiträume und Märkte:
- 1 Jahr: Etwa 50–60% der aktiven US-Aktienfonds liegen hinter dem S&P 500 zurück.
- 5 Jahre: Bereits 75–85% der aktiven Fonds liegen hinter der Benchmark.
- 15 Jahre: Über 90% aller aktiven US-Aktienfonds schlagen den S&P 500 nicht — nach Kosten.
- International: Ähnliche Zahlen gelten für europäische und asiatische Märkte.
Overconfidence und Konzentration: Das Klumpenrisiko
Ein weiterer Ausdruck des Overconfidence Bias ist mangelnde Diversifikation. Wer überzeugt ist, das nächste Apple oder das nächste Nvidia gefunden zu haben, investiert einen unverhältnismäßig großen Teil des Portfolios in diese eine Wette. Die Finanzwissenschaft nennt das Klumpenrisiko oder Konzentrationsrisiko.
Studien zeigen, dass die meisten privaten Portfolios erheblich weniger Aktien enthalten, als für eine optimale Risikostreuung notwendig wäre. Harry Markowitz legte bereits 1952 in seiner modernen Portfoliotheorie dar, dass 15–20 gering korrelierte Aktien für eine gute Diversifikation ausreichen. Die meisten Privatanleger halten deutlich weniger Positionen — häufig aus Überzeugung, die richtigen wenigen Aktien ausgewählt zu haben.
Lösungen: Demut gegenüber Märkten als Renditeformel
Konkrete Strategien gegen Overconfidence
1. Investmenttagebuch: Alle Prognosen und Kaufbegründungen schriftlich festhalten — mit Datum und erwartetem Kursziel. Regelmäßig zurückschauen und die Trefferquote messen. Das zeigt schonungslos, wie oft die eigenen Einschätzungen falsch waren.
2. Passive ETF-Strategie: Wer einen breit gestreuten Welt-ETF kauft und hält, muss nicht glauben, klüger als der Markt zu sein. Die Strategie beruht auf Demut: Der Markt aggregiert alle verfügbaren Informationen effizienter als ich allein.
3. Advocatus Diaboli: Für jede Kaufidee aktiv Gegenargumente suchen. Warum könnte diese Aktie fallen? Was übersehe ich? Wer davon profitiert, wenn ich falsch liege?
4. Diversifikation erzwingen: Keine einzelne Position über 5–10% des Portfolios. Das begrenzt den Schaden, wenn die eigene Überzeugung falsch lag.
5. Benchmark-Vergleich: Die eigene Rendite regelmäßig mit dem Vergleichsindex messen — nicht nur in absoluten Zahlen, sondern in Relation zum Markt. Wer dauerhaft hinter dem MSCI World zurückliegt, sollte seinen Ansatz überdenken.
Häufige Fragen zum Overconfidence Bias (FAQ)
Was ist der Overconfidence Bias beim Investieren?
Overconfidence Bias bezeichnet die Tendenz, die eigenen Fähigkeiten, die Genauigkeit eigener Prognosen und den eigenen Wissensstand systematisch zu überschätzen. An der Börse äußert sich dies als übermäßiges Handeln, zu konzentrierte Portfolios, Ignorieren von Risiken und die Überzeugung, den Markt schlagen zu können — obwohl die Empirie zeigt, dass das langfristig kaum jemandem gelingt. Der Overconfidence Bias ist kulturuniversal und trifft Privatanleger genauso wie professionelle Fondsmanager.
Was zeigt die Studie "Boys will be Boys" von Barber und Odean?
Brad Barber und Terrance Odean analysierten in ihrer 2001 veröffentlichten Studie die Depots von 35.000 Haushalten einer US-Discount-Brokerage von 1991 bis 1997. Ergebnis: Männer handelten 45% häufiger als Frauen, alleinstehende Männer sogar 67% häufiger als alleinstehende Frauen. Die Folge: Männer erzielten 1,4 Prozentpunkte weniger Rendite pro Jahr als Frauen, alleinstehende Männer sogar 2,3 Prozentpunkte weniger. Die Forscher interpretierten das häufigere Handeln als Ausdruck des Overconfidence Bias — die Überzeugung, die richtige Aktie gewählt zu haben und den optimalen Zeitpunkt zu kennen.
Was ist der Rückschaufehler (Hindsight Bias)?
Der Rückschaufehler bezeichnet die Tendenz, im Nachhinein zu glauben, ein Ereignis vorhergesehen zu haben — obwohl man es tatsächlich nicht konnte. An der Börse sagt man nach einem Crash: "Ich wusste, dass das passieren würde." Nach einem Kursanstieg: "Das war doch offensichtlich." Das stärkt die Selbstüberschätzung weiter: Man erinnert sich bevorzugt an die richtigen Prognosen und verdrängt die falschen. Ein Investmenttagebuch — das alle Prognosen mit Datum festhält — ist das effektivste Gegenmittel gegen diesen Effekt.
Was besagt das SPIVA-Scoreboard zu aktiven Fonds?
Das SPIVA-Scoreboard (S&P Indices Versus Active) von S&P Global misst regelmäßig, wie viele aktiv verwaltete Fonds ihre jeweilige Benchmark nach Kosten übertreffen. Das konsistente Ergebnis über alle Märkte und Zeiträume: Über 15 Jahre schlagen rund 90% aller aktiven Fonds ihren Vergleichsindex nicht. Das gilt für US-Aktienfonds (gegen den S&P 500), europäische Fonds (gegen verschiedene europäische Indizes) und internationale Fonds. Die Überzeugung von Fondsmanagern, den Markt schlagen zu können, ist in 9 von 10 Fällen langfristig nicht gerechtfertigt.
Wie kann man Overconfidence beim Investieren reduzieren?
Konkrete Strategien: Erstens, ein Investmenttagebuch führen — alle Prognosen und Begründungen schriftlich festhalten und später überprüfen. Das zeigt schonungslos, wie oft die eigenen Einschätzungen falsch waren. Zweitens, auf passive ETF-Strategien setzen statt auf Einzelaktien-Stockpicking — das spart Transaktionskosten und erzwingt Demut gegenüber dem Markt. Drittens, für jede Kaufidee aktiv Gegenargumente suchen (Advocatus Diaboli). Viertens, keine einzelne Position über 5–10% des Portfolios. Fünftens, die eigene Rendite regelmäßig mit dem Vergleichsindex messen.