Wie funktionieren Aktien?

Aktien schaffen Wert, weil Unternehmen Gewinne erwirtschaften. Wie Kurse entstehen, was sie beeinflusst und warum Märkte kurzfristig irrational, langfristig aber rational sind — alles erklärt.

Wie Aktien Wert schaffen

Der Grundmechanismus hinter Aktien ist einfach: Unternehmen erwirtschaften Gewinne. Diese Gewinne fließen entweder als Dividende an die Aktionäre, werden im Unternehmen reinvestiert (was künftige Gewinne erhöht) oder für Aktienrückkäufe verwendet (was den Wert je Aktie erhöht). Über alle drei Kanäle partizipieren Aktionäre am Unternehmenserfolg.

Der Aktionär profitiert auf zwei Arten: erstens durch Dividendenzahlungen (laufende Ertragskomponente), zweitens durch Kursgewinne (Kapitalwachstumskomponente). Langfristig macht die reinvestierte Dividende einen erheblichen Teil der Gesamtrendite aus. Beim MSCI World entfiel historisch etwa ein Drittel der Gesamtrendite auf Dividenden.

Das Wertschöpfungspotenzial von Aktien zeigt sich am langfristigen Vergleich der Anlageklassen: Zwischen 1900 und 2023 erzielten globale Aktien laut dem Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook eine reale Rendite von rund 5% pro Jahr nach Inflation — deutlich mehr als Anleihen (1,7%) oder Geldmarktanlagen (0,4%).

Primärmarkt vs. Sekundärmarkt

Um zu verstehen, wie Aktien funktionieren, muss man zwischen zwei Märkten unterscheiden:

Primärmarkt: Aktien entstehen

Auf dem Primärmarkt werden Aktien erstmals ausgegeben. Dies geschieht beim Börsengang (Initial Public Offering, IPO) oder bei Kapitalerhöhungen. Das Unternehmen erhält das eingenommene Kapital direkt und kann es für Investitionen, Schuldenabbau oder Wachstum nutzen. Emissionsbanken (z.B. Deutsche Bank, Goldman Sachs, UBS) begleiten diesen Prozess, legen den Ausgabepreis fest und platzieren die Aktien bei institutionellen und privaten Anlegern.

Der Ausgabepreis wird oft über ein Bookbuilding-Verfahren ermittelt: Investoren geben an, zu welchem Preis sie wie viele Aktien kaufen würden. Daraus leitet die Bank eine Preisspanne ab und legt schließlich den endgültigen Ausgabepreis fest.

Sekundärmarkt: Aktien werden gehandelt

Auf dem Sekundärmarkt (der Börse) handeln Anleger bereits bestehende Aktien untereinander. Das Unternehmen selbst ist an diesen Transaktionen nicht mehr beteiligt und erhält kein Kapital. Der Sekundärmarkt erfüllt eine wichtige Funktion: Er schafft Liquidität. Anleger können ihre Aktien jederzeit verkaufen, was das Investieren erst attraktiv macht. Ohne liquide Sekundärmärkte würde kaum jemand Aktien kaufen, da er das Kapital auf unbestimmte Zeit binden müsste.

Wichtige Sekundärmärkte im DACH-Raum: Frankfurter Wertpapierbörse/Xetra (DE), SIX Swiss Exchange (CH), Wiener Börse (AT). Darüber hinaus können über Broker auch US-Börsen (NYSE, Nasdaq), London Stock Exchange und andere internationale Handelsplätze erreicht werden.

Kursbildung durch Angebot und Nachfrage

Der Aktienkurs ist der Preis, zu dem in einem gegebenen Moment Käufer und Verkäufer übereinkommen. An elektronischen Handelssystemen wie dem deutschen Xetra-System werden kontinuierlich Kauf- und Verkaufsaufträge zusammengeführt:

  • Bid (Geldkurs): Der höchste Preis, den ein Käufer zu zahlen bereit ist
  • Ask (Briefkurs): Der niedrigste Preis, zu dem ein Verkäufer bereit ist zu verkaufen
  • Spread: Die Differenz zwischen Bid und Ask — sie stellt den Gewinn des Market Makers dar

Ein Handel kommt zustande, wenn ein Käufer bereit ist, den Ask-Preis zu zahlen (oder ein Verkäufer bereit ist, zum Bid-Preis zu verkaufen). Bei liquiden Aktien wie Apple oder SAP kann der Spread nur wenige Cent betragen, bei illiquideren Nebenwerten mehrere Prozent.

Steigen mehr Kaufaufträge ein als Verkaufsaufträge (Nachfrageüberschuss), steigt der Kurs, bis genug Verkäufer bereit sind. Umgekehrt drückt ein Angebotsüberschuss den Kurs. Kurzfristig kann jede neue Information, die Erwartungen verändert, die Kursrichtung drehen.

Faktoren, die Aktienkurse beeinflussen

Unternehmensgewinne

Quartalsergebnisse, Jahresberichte und Gewinnwarnungen sind die wichtigsten kurzfristigen Kurstreiber. Übertrifft ein Unternehmen die Erwartungen, steigt der Kurs oft sprunghaft.

Zinsniveau

Steigende Zinsen drücken Aktienkurse: Anleihen werden attraktiver, und der Barwert künftiger Gewinne sinkt. Dies erklärt, warum 2022 mit stark steigenden Zinsen auch ein schwaches Börsenjahr war.

Inflation

Moderate Inflation ist neutral bis leicht positiv für Aktien, da Unternehmen Preise erhöhen können. Hohe Inflation schadet, weil sie Kaufkraft erodiert und Zentralbanken zur Zinserhöhung zwingt.

Konjunktur

In Rezessionen fallen Unternehmensgewinne, was zu sinkenden Aktienkursen führt. Zyklische Unternehmen (Autos, Stahl) reagieren stärker als defensive Sektoren (Lebensmittel, Pharma).

Geopolitik

Kriege, Handelskonflikte, Sanktionen und politische Instabilität erhöhen die Unsicherheit und drücken Bewertungen. Der Ukraine-Krieg 2022 traf europäische Märkte besonders stark.

Marktsentiment

Angst (Fear) und Gier (Greed) sind mächtige kurzfristige Triebkräfte. Der CNN Fear & Greed Index oder der VIX (Volatilitätsindex) messen diese Stimmung. Extreme Angst ist oft ein Kaufsignal, extreme Gier ein Warnsignal.

Kurzfristig irrational, langfristig rational

Eine der wichtigsten Erkenntnisse über Aktienmärkte ist, dass sie kurzfristig von Emotionen getrieben werden, langfristig aber die fundamentale Ertragskraft von Unternehmen abbilden. Zwei klassische Zitate illustrieren dies:

"The stock market is a voting machine in the short run but a weighing machine in the long run." — Benjamin Graham, Vater des Value Investing, in "The Intelligent Investor" (1949)

Graham meint: Kurzfristig wählen Anleger Aktien wie bei einer Wahl nach Popularität, Stimmung und Mode (Wahlmaschine). Langfristig setzt sich durch, was ein Unternehmen tatsächlich wert ist — gemessen an seinen Gewinnen und Vermögenswerten (Waage).

"Professional investment may be likened to those newspaper competitions in which the competitors have to pick out the six prettiest faces from a hundred photographs, the prize being awarded to the competitor whose choice most nearly corresponds to the average preferences of the competitors as a whole." — John Maynard Keynes, "The General Theory of Employment, Interest and Money" (1936), Kapitel 12

Keynes beschreibt mit seinem "Beauty Contest"-Modell, dass Anleger nicht die Aktie kaufen, die sie selbst für die wertvollste halten, sondern die Aktie, von der sie glauben, dass andere Anleger sie für wertvoll halten werden. Diese Meta-Rationalität erklärt Blasenbildungen, Mode-Aktien und scheinbar irrationale Marktbewegungen.

Warum der Markt oft schwer zu schlagen ist

Der Aktienmarkt aggregiert die Informationen und Erwartungen von Millionen Marktteilnehmern — institutionelle Investoren, Hedgefonds, Hochfrequenzhändler und Privatanleger weltweit. Diese kollektive Informationsverarbeitung macht es schwierig, dauerhaft besser als der Markt abzuschneiden.

Die effiziente Markttheorie (Efficient Market Hypothesis, EMH) von Eugene Fama (Nobelpreis 2013) besagt, dass Aktienkurse stets alle verfügbaren Informationen einpreisen. In ihrer schwachen Form impliziert dies, dass technische Analyse keinen dauerhaften Vorteil bietet. In ihrer halbstarken Form impliziert sie, dass auch Fundamentalanalyse keinen dauerhaften Vorteil bietet — eine Schlussfolgerung, die empirisch umstritten ist, aber durch SPIVA-Daten (S&P Indices Versus Active) gestützt wird: Über 15 Jahre schlagen mehr als 90% der aktiv verwalteten Aktienfonds ihren Vergleichsindex nicht.

Fazit für Anleger: Kurzfristige Kursschwankungen sind weitgehend unvorhersehbar und durch Emotionen getrieben. Langfristiges, diversifiziertes Investieren in breite Marktindizes hat historisch für die meisten Anleger bessere Ergebnisse geliefert als aktives Stockpicking.

Der Zinseszinseffekt: Warum Zeit der wichtigste Faktor ist

Aktien entfalten ihre volle Kraft erst über lange Zeiträume, dank des Zinseszinseffekts. Ein Beispiel: 10.000 Euro investiert in den MSCI World bei angenommenen 7% Jahresrendite wachsen in:

  • 10 Jahren auf ca. 19.700 Euro
  • 20 Jahren auf ca. 38.700 Euro
  • 30 Jahren auf ca. 76.100 Euro

Der Zuwachs in den letzten 10 Jahren (37.400 Euro) ist fast doppelt so hoch wie in den ersten 20 Jahren zusammen. Das zeigt: Je früher Anleger beginnen, desto mehr Zeit hat das Kapital zu wachsen. Dies gilt für Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleichermaßen.

Häufige Fragen

Wie entsteht ein Aktienkurs?
Ein Aktienkurs entsteht durch das Zusammentreffen von Käufern und Verkäufern an der Börse. Das Handelssystem (z.B. Xetra für deutsche Aktien) stellt fortlaufend den Kurs fest, bei dem sich Angebot (Verkaufsaufträge) und Nachfrage (Kaufaufträge) treffen. Je mehr Käufer es gibt, desto höher steigt der Kurs — und umgekehrt. Außerbörslich (z.B. auf Handelsplätzen wie Tradegate) werden Kurse von Market Makern gestellt, die immer Geld- und Briefkurse quotieren.
Warum steigen Aktienkurse langfristig?
Langfristig steigen Aktienkurse, weil Unternehmen Gewinne erwirtschaften und reinvestieren, was zu höherem Unternehmenswert führt. Der MSCI World Index hat seit 1970 rund 8% pro Jahr im Schnitt zugelegt (nominal, in USD). Diese Rendite speist sich aus Unternehmensgewinnen, Dividenden und dem Rückbehalt von Gewinnen für weiteres Wachstum. Solange die Weltwirtschaft wächst und Unternehmen Gewinne erzielen, werden Aktien langfristig an Wert gewinnen.
Was ist der Unterschied zwischen Primärmarkt und Sekundärmarkt?
Auf dem Primärmarkt werden neue Aktien erstmals ausgegeben (IPO, Kapitalerhöhung) — das Unternehmen erhält direkt das Kapital. Auf dem Sekundärmarkt (Börse) handeln Anleger bereits bestehende Aktien untereinander. Das Unternehmen selbst erhält kein Geld mehr, wenn Aktionäre Aktien an der Börse kaufen oder verkaufen. Der Sekundärmarkt schafft Liquidität und macht es für Anleger attraktiv, in Aktien zu investieren, weil sie ihre Position jederzeit auflösen können.
Welche Faktoren beeinflussen Aktienkurse am stärksten?
Die stärksten Einflussfaktoren auf Aktienkurse sind: (1) Unternehmensgewinne und Gewinnerwartungen, (2) Zinsniveau — steigende Zinsen drücken Kurse, (3) Inflation, (4) Konjunkturentwicklung, (5) geopolitische Ereignisse und (6) das allgemeine Marktsentiment. Kurzfristig dominieren oft Nachrichten und Emotionen; langfristig setzen sich Fundamentaldaten durch. Der Einfluss von Zinsen auf Wachstumsaktien ist besonders stark, weil hohe Zinsen den Barwert künftiger Gewinne reduzieren.
Was bedeutet "Kurzfristig Wahlmaschine, langfristig Waage"?
Dieses Zitat von Benjamin Graham beschreibt, dass Aktienmärkte kurzfristig von Stimmungen, Mode und Spekulation getrieben werden (wie eine Wahl nach Popularität — "Wahlmaschine"), langfristig aber den echten wirtschaftlichen Wert eines Unternehmens abbilden (wie eine Waage die Substanz misst). Das bedeutet: Kurzfristige Kursschwankungen sagen wenig über den inneren Wert aus, langfristig setzt sich der innere Wert durch. Es ist die Grundlage für geduldiges, langfristiges Investieren.