Value Investing: Unterbewertete Aktien finden

Von Benjamin Graham erfunden, von Warren Buffett zur Perfektion getrieben: Value Investing sucht Aktien, die günstiger sind als ihr innerer Wert. Kernprinzipien, Kennzahlen und die Grenzen des Ansatzes.

Was ist Value Investing?

Value Investing ist eine Anlagestrategie, die auf dem Kauf von Aktien basiert, die unter ihrem inneren Wert (Intrinsic Value) gehandelt werden. Die Grundidee ist verblüffend simpel: Kaufe einen Vermögenswert für weniger als er wert ist und warte, bis der Markt den wahren Wert erkennt. Der Überschuss zwischen innerem Wert und Kaufpreis — die sogenannte Margin of Safety — bietet Sicherheitspuffer gegen Bewertungsfehler.

Value Investing steht im Gegensatz zu anderen Ansätzen wie technischer Analyse (die Kursmuster analysiert) oder Growth Investing (das auf Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial setzt). Value-Investoren interessiert weniger, was ein Aktie morgen macht, sondern ob sie heute zu einem vernünftigen Preis erhältlich ist.

Die Väter des Value Investing

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Benjamin Graham (1894–1976)

Graham gilt als Vater des Value Investing. Er lehrte an der Columbia University und entwickelte die intellektuellen Grundlagen dieser Anlagemethode in seinen Büchern "Security Analysis" (1934, zusammen mit David Dodd) und "The Intelligent Investor" (1949). Graham unterschied zwischen dem spekulativen Mr. Market, der täglich irrationale Preise anbietet, und dem ruhigen Investor, der nur dann kauft, wenn der Preis deutlich unter dem inneren Wert liegt. Sein Schüler Warren Buffett bezeichnete "The Intelligent Investor" als "das beste Buch über Investieren, das je geschrieben wurde".

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Warren Buffett (*1930)

Buffett, Schüler Grahams an der Columbia University, wandte dessen Prinzipien mit großem Erfolg an, entwickelte sie aber weiter. Während Graham primär auf bilanzielle Unterbewertung fokussierte, legte Buffett stärker Wert auf die Qualität des Geschäftsmodells ("Wonderful business at a fair price, not a fair business at a wonderful price"). Berkshire Hathaway, sein Konglomerat, erzielte von 1965 bis 2023 eine annualisierte Rendite von ca. 19,8% pro Jahr — verglichen mit 10,2% für den S&P 500 im gleichen Zeitraum. Buffett lebt und arbeitet noch immer in Omaha, Nebraska.

Das Kernkonzept: Margin of Safety

Die Margin of Safety ist das wichtigste Konzept im Value Investing. Sie beschreibt den Sicherheitspuffer zwischen dem berechneten inneren Wert einer Aktie und dem Preis, den man tatsächlich zahlt.

"The margin of safety is always dependent on the price paid. It will be large at one price, small at some higher price, nonexistent at some still higher price." — Benjamin Graham, "The Intelligent Investor" (1949)

Praktisches Beispiel: Ein Anleger berechnet den inneren Wert eines Unternehmens auf 80 Euro pro Aktie. Die Aktie notiert aktuell bei 50 Euro. Die Margin of Safety beträgt (80 - 50) / 80 = 37,5%. Diese Marge schützt auf dreifache Weise: Sie puffert Bewertungsfehler in der eigenen Analyse ab, sie schützt vor unerwarteten negativen Entwicklungen im Unternehmen, und sie bietet zusätzliches Aufwärtspotenzial, wenn der Markt die Unterbewertung erkennt.

Wichtige Value-Kennzahlen

KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis)

KGV = Kurs / Gewinn je Aktie

Klassisches Value-Signal: KGV unter 15 gilt als günstig. Ein KGV von 8–12 ist oft ein Zeichen günstiger Bewertung, kann aber auch Probleme anzeigen.

KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis)

KBV = Kurs / Buchwert je Aktie

Graham kaufte bevorzugt Aktien mit KBV unter 1,5. Ein KBV unter 1 bedeutet: Die Aktie kostet weniger als der bilanzielle Substanzwert.

EV/EBITDA

EV / EBITDA = Unternehmenswert / Betriebsgewinn

Berücksichtigt Schulden. Ein EV/EBITDA unter 8–10 gilt in vielen Sektoren als günstig. Besonders relevant für kapitalintensive Unternehmen.

FCF-Rendite

FCF-Rendite = Free Cashflow / Marktkapitalisierung

Misst, wie viel freier Cashflow ein Unternehmen bezogen auf seine Marktkapitalisierung generiert. Werte über 6–8% gelten als attraktiv.

KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis)

KUV = Kurs / Umsatz je Aktie

Besonders nützlich bei Unternehmen mit temporär niedrigen oder negativen Gewinnen. Sektordurchschnitte stark variierend.

Eigenkapitalrendite (ROE)

ROE = Jahresgewinn / Eigenkapital

Misst die Rentabilität des Eigenkapitals. Warren Buffett sucht Unternehmen mit konsistentem ROE über 15%, was auf Wettbewerbsvorteile hindeutet.

Wie man unterbewertete Aktien findet

Der klassische Graham-Ansatz zur Aktienselektion kombiniert quantitative Filter mit qualitativer Analyse:

  1. Quantitative Vorauswahl: Screenings nach KGV, KBV, KUV und anderen Kennzahlen, um potenzielle Kandidaten zu identifizieren. Tools wie finanzen.net, Simply Wall St, oder Bloomberg ermöglichen solche Screenings
  2. Branchenanalyse: Ist die Branche strukturell stabil oder im Niedergang? Ein niedriges KGV bei einem Unternehmen in einer sterbenden Branche ist oft eine Falle
  3. Unternehmensanalyse: Geschäftsbericht lesen: Bilanz (Schulden, Liquidität), GuV (Gewinnentwicklung), Cashflow-Rechnung (Free Cashflow). Quellen: Investor Relations-Bereich der Unternehmen, SEC Filings (USA), Bundesanzeiger (Deutschland)
  4. Bewertungsrechnung: DCF-Analyse (Discounted Cashflow) oder Multiple-Bewertung, um den inneren Wert zu schätzen
  5. Margin of Safety prüfen: Kaufen nur wenn der aktuelle Kurs mindestens 20–40% unter dem berechneten inneren Wert liegt
Gute Quellen für Value-Research: Geschäftsberichte und Investor Relations Seiten der Unternehmen, SEC Edgar (US-Unternehmen: sec.gov/edgar), Bundesanzeiger (DE), FMA Österreich, SIX Swiss Exchange. Financials Aggregatoren: finanzen.net, Tikr.com, Macrotrends.net, Simply Wall St.

Die Value-Falle: Cheap is cheap for a reason

Die größte Gefahr beim Value Investing ist die sogenannte Value-Falle (Value Trap). Sie entsteht, wenn ein Unternehmen günstig erscheint (niedriges KGV, niedriges KBV), aber aus strukturellen Gründen dauerhaft günstig bleibt — oder weiter fällt.

Typische Value-Fallen:
  • Unternehmen in strukturell schrumpfenden Branchen (traditionelle Print-Medien, Kohle)
  • Zyklische Unternehmen auf dem Gewinnhöhepunkt (niedriges KGV, aber Gewinne werden fallen)
  • Unternehmen mit hohem Schuldenstand und steigenden Zinsen
  • Unternehmen mit schwachem Management ohne Kapitalallokationsdisziplin
  • Bilanzrisiken: versteckte Schulden, Pensionsverpflichtungen, Goodwill-Abschreibungen

SPIVA: Schlagen aktive Value-Fonds ihre Benchmark?

Die ernüchternde Antwort lautet: Nein, in der Mehrzahl der Fälle nicht. SPIVA-Daten (S&P Indices Versus Active) zeigen konsistent, dass über 15 Jahre 80–90% der aktiv verwalteten Value-Fonds nach Kosten ihren Vergleichsindex nicht übertreffen. Auch erfahrene Investoren mit Value-Philosophie schaffen dies selten dauerhaft.

Die Ausnahme bestätigt die Regel: Warren Buffett ist der bekannteste Value-Investor, der seinen Index langfristig deutlich übertroffen hat. Aber Buffett selbst rät Privatanlegern, in günstige Indexfonds zu investieren statt zu versuchen, Einzelaktien zu picken — weil dies für die meisten Anleger besser funktioniert.

Passives Value-ETF als Alternative

Für Anleger, die dem Value-Faktor exponiert sein wollen, ohne Einzelaktien zu analysieren, bieten sich passive Value-ETFs an. Diese bilden Indizes wie den MSCI World Value, den S&P 500 Value oder den EURO STOXX Value ab:

  • iShares Edge MSCI World Value Factor ETF (IWVL): Globale Value-Aktien, TER 0,30%
  • Vanguard Global Value Factor ETF (VVAL): Globale Value-Aktien, breite Diversifikation, TER 0,22%
  • Xtrackers MSCI World Value ETF: MSCI World Value Index, TER 0,25%

Diese ETFs bieten systematischen Zugang zum Value-Faktor zu geringen Kosten, ohne dass Anleger selbst aufwändige Fundamental-Analysen durchführen müssen. Akademische Forschung (Fama/French) hat den Value-Faktor als langfristigen Renditebooster identifiziert — ob er in Zukunft weiterhin outperformt, ist jedoch umstritten.

Häufige Fragen zum Value Investing

Was ist Value Investing?
Value Investing ist eine Anlagestrategie, die auf dem Kauf von Aktien basiert, die unter ihrem inneren Wert (Intrinsic Value) gehandelt werden. Der Ansatz wurde von Benjamin Graham in den 1930er Jahren entwickelt und durch Warren Buffett populär gemacht. Das Kernprinzip: Man kauft 1 Euro Wert für 50 Cent und wartet, bis der Markt den wahren Wert erkennt. Value-Investoren analysieren Fundamentaldaten (KGV, KBV, Cashflow) und kaufen nur mit ausreichender Sicherheitsmarge.
Was ist die Margin of Safety?
Die Margin of Safety (Sicherheitsmarge) ist das zentrale Konzept des Value Investing. Sie beschreibt den Unterschied zwischen dem berechneten inneren Wert einer Aktie und dem tatsächlichen Kaufpreis. Kauft man eine Aktie mit einem inneren Wert von 100 Euro für 60 Euro, beträgt die Margin of Safety 40%. Diese Marge schützt vor Bewertungsfehlern (der innere Wert wurde zu optimistisch berechnet), vor unerwarteten negativen Entwicklungen und bietet gleichzeitig Aufwärtspotenzial.
Was ist der Unterschied zwischen KGV und KBV?
Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Jahresgewinn je Aktie. Ein KGV von 10 bedeutet: Der Markt zahlt das 10-fache des Jahresgewinns. Das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) setzt den Kurs ins Verhältnis zum bilanziellen Eigenkapital je Aktie. Ein KBV unter 1 bedeutet: Die Aktie ist günstiger als der rein bilanzielle Substanzwert. Beim klassischen Graham-Value-Investing waren KBV unter 1,5 und KGV unter 15 bevorzugte Kaufsignale.
Was ist eine Value-Falle?
Eine Value-Falle (Value Trap) entsteht, wenn eine Aktie günstig erscheint (niedriges KGV, niedriges KBV), aber aus gutem Grund günstig ist — etwa weil das Geschäftsmodell strukturell unter Druck steht, die Branche schrumpft oder das Management schlecht ist. Die Aktie bleibt dauerhaft billig oder fällt weiter, obwohl die Kennzahlen günstig wirken. "Cheap is cheap for a reason" ist ein wichtiger Grundsatz: Günstige Bewertung allein reicht nicht, man muss auch den Grund für die Günstigbewertung verstehen.
Schlagen aktive Value-Fonds ihren Index?
In der Mehrzahl der Fälle nein. Laut SPIVA-Daten von S&P Global schlagen über 15 Jahre mehr als 80–90% der aktiv verwalteten Value-Fonds ihren Vergleichsindex nicht — nach Abzug von Verwaltungsgebühren. Passive Value-ETFs (z.B. iShares Edge MSCI World Value Factor ETF, Vanguard Global Value Factor ETF) bieten kostengünstige Exposition gegenüber dem Value-Faktor ohne die Nachteile aktiver Selektion. Auch Warren Buffett empfiehlt Privatanlegern, in günstige Indexfonds zu investieren.