Was passiert bei einem Börsengang (IPO)?

Von der Roadshow bis zum ersten Handelstag: Wie ein IPO abläuft, warum viele IPOs nach dem Start enttäuschen – und was Anleger über Lock-up-Perioden und Bookbuilding wissen sollten.

Was ist ein IPO?

IPO steht für Initial Public Offering – auf Deutsch Börsengang oder Erstemission. Gemeint ist der erste öffentliche Verkauf von Aktien eines bisher privat gehaltenen Unternehmens. Nach dem IPO sind die Aktien frei am Markt handelbar und das Unternehmen ist "öffentlich" notiert.

Warum gehen Unternehmen an die Börse? Es gibt typischerweise zwei Hauptmotive:

  1. Kapitalaufnahme: Das Unternehmen gibt neue Aktien aus und erhält dafür frisches Kapital – für Wachstum, Forschung, Expansion oder Schuldenabbau.
  2. Exit für Altgesellschafter: Gründer, Private-Equity-Fonds oder Risikokapitalgeber können über den IPO ihre Anteile verkaufen und ihren Gewinn realisieren. Viele IPOs sind primär oder teilweise Verkäufe von Altgesellschaftern – das Unternehmen erhält dabei kein Geld.

Für Anleger ist dieser Unterschied wichtig: Fließt das IPO-Geld in das Unternehmen (neue Aktien), stärkt es die Bilanz. Kauft man Aktien von Altgesellschaftern, erhält das Unternehmen kein Kapital – die Einnahmen gehen an die Verkäufer.

Der IPO-Ablauf Schritt für Schritt

1. Wahl der Investmentbank (Konsortialführer)

Das Unternehmen beauftragt eine oder mehrere Investmentbanken als Konsortialführer (Lead Underwriter). In Deutschland sind dies typischerweise Deutsche Bank, Goldman Sachs, JPMorgan oder Morgan Stanley. Der Konsortialführer begleitet den gesamten Prozess und koordiniert die Vermarktung. Er übernimmt die Haftung für die korrekte Darstellung im Wertpapierprospekt.

2. Wertpapierprospekt und Regulierung

Vor dem IPO muss ein detaillierter Wertpapierprospekt erstellt werden: Geschäftstätigkeit, Risikofaktoren, Finanzdaten, Verwendung des Erlöses. In Deutschland und Österreich prüft die BaFin (bzw. FMA) den Prospekt. In der Schweiz ist die Schweizer Börse SIX zuständig. Die Prospekterstellung dauert typischerweise 3–6 Monate.

3. Roadshow

In der Roadshow-Phase präsentiert das Management des Unternehmens – begleitet von Investmentbankern – das Unternehmen vor potenzielle institutionelle Investoren in Frankfurt, London, New York und anderen Finanzzentren. Die Roadshow dauert typischerweise 1–2 Wochen und dient dazu, das Interesse zu messen und eine Preisspanne zu validieren.

4. Bookbuilding-Verfahren

Im Bookbuilding sammeln die Investmentbanken verbindliche Kaufabsichten (Orders) institutioneller Investoren für eine festgelegte Preisspanne. Gibt es bei einer Preisspanne von 20–25 Euro mehr Orders als Aktien verfügbar, ist der IPO "überzeichnet". Auf Basis der Order-Qualität und -Quantität wird der endgültige Ausgabepreis festgesetzt – typischerweise am oberen Ende der Spanne bei starker Nachfrage.

5. Zuteilung und erster Handelstag

Nach Festsetzung des Ausgabepreises werden die Aktien zugeteilt. Institutionelle Investoren erhalten den Löwenanteil (oft 80–95%). Privatanleger können über ihre Broker an der Zeichnung teilnehmen, erhalten aber oft nur einen Bruchteil ihrer beantragten Menge. Am ersten Handelstag startet der freie Handel – der Eröffnungskurs kann erheblich vom Ausgabepreis abweichen.

Bekannte IPOs: Erfolge und Enttäuschungen

Facebook 2012: Schwacher Start, starke Erholung

Facebooks IPO im Mai 2012 war einer der meisterwarteten Börsengänge der Geschichte. Ausgabepreis: 38 Dollar. Am ersten Handelstag kaum Kursgewinn – dann fiel die Aktie auf unter 18 Dollar. Technische Probleme der Nasdaq verstärkten den Vertrauensverlust. Viele frühe IPO-Käufer waren monatelang im Minus. Wer hielt: Die Facebook-Aktie (heute Meta) stieg langfristig auf über 300 Dollar.

Uber 2019: Unter dem Ausgabepreis

Uber ging im Mai 2019 zu 45 Dollar an die Börse. Der erste Handelstag schloss bei 41,57 Dollar – unter dem Ausgabepreis. Uber blieb lange unter dem IPO-Kurs, bevor das Unternehmen profitabel wurde und die Aktie stieg. Das Beispiel zeigt: Ein IPO ist kein Garant für sofortige Gewinne.

Porsche AG 2022: Größter europäischer Börsengang seit Jahren

Im September 2022 brachte der Volkswagen-Konzern die Porsche AG an die Frankfurter Börse – der größte europäische IPO seit Jahren. Ausgabepreis: 82,50 Euro, bewertete Porsche mit rund 75 Milliarden Euro. Die Besonderheit: VW behielt die stimmrechtsmäßige Kontrolle durch eine komplexe Aktienstruktur aus Stamm- und Vorzugsaktien. Altgesellschafter (der Piëch/Porsche-Clan und Qatar Investment Authority) erhielten feste Anteile, bevor der Rest öffentlich platziert wurde.

Renk AG 2024: Rüstungs-IPO im Aufmerksamkeitshoch

Die Renk AG (Getriebe- und Antriebstechnik für Militärfahrzeuge) ging im Februar 2024 an die Frankfurter Börse – in einer Phase erhöhter Rüstungsausgaben nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Ausgabepreis: 15 Euro je Aktie. Die Aktie profitierte vom politischen Zeitgeist und erhöhten Verteidigungsbudgets und stieg nach dem IPO deutlich.

Das Lock-up-Risiko: Wenn Insider verkaufen dürfen

Ein oft unterschätzter Risikofaktor bei IPO-Investitionen ist das Auslaufen der Lock-up-Periode. Altgesellschafter, Management und frühe Investoren unterliegen typischerweise einer 90–180-tägigen Sperrfrist nach dem IPO. Nach Ablauf können Insider verkaufen – was oft zu erheblichem Kursrückgang führt, weil Private-Equity-Fonds und Risikokapitalgeber ihre Gewinne realisieren wollen.

Dieser strukturelle Verkaufsdruck ist einer der Hauptgründe, warum IPO-Aktien statistisch in den ersten 6–12 Monaten nach dem Börsengang häufig schwach performen. Anleger, die an einem IPO teilnehmen, sollten das Datum des Lock-up-Ablaufs im Blick behalten.

Statistik: Warum viele IPOs underperformen

Akademische Studien, unter anderem von Jay Ritter (University of Florida), belegen konsistent: IPOs underperformen in den ersten 3–5 Jahren nach dem Börsengang im Vergleich zu Unternehmen ähnlicher Größe und Branche um durchschnittlich 20–30%.

Die strukturellen Gründe: Unternehmen wählen den IPO-Zeitpunkt bewusst, wenn Marktbewertungen und Anlegerstimmung hoch sind. IPO-Hype erzeugt überhöhte Erstbewertungen. Altgesellschafter verkaufen bei maximal positiver Darstellung der Unternehmensaussichten. Nach dem IPO kehrt die Realität ein. Das bedeutet nicht, dass alle IPOs schlechte Investments sind – Facebook, Google und Amazon beweisen das Gegenteil. Aber die statistische Tendenz sollte zu besonderer Sorgfalt veranlassen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einem IPO und einem Direct Listing?

Beim IPO werden neue Aktien ausgegeben und/oder bestehende Aktien von Altgesellschaftern verkauft, begleitet von Investmentbanken als Underwriter. Beim Direct Listing (z.B. Spotify 2018, Coinbase 2021) werden keine neuen Aktien ausgegeben – bestehende Aktien werden direkt handelbar gemacht, ohne Investmentbanken und ohne vorab festgelegten Ausgabepreis. Der Kurs bildet sich am ersten Handelstag rein über Angebot und Nachfrage.

Was ist die Lock-up-Periode nach einem IPO?

Die Lock-up-Periode ist ein vertraglicher Zeitraum (typischerweise 90–180 Tage nach dem IPO), in dem Altgesellschafter, Management und frühe Investoren ihre Aktien nicht verkaufen dürfen. Die Regelung soll unmittelbare Massenverkäufe nach dem IPO verhindern. Nach Ablauf können Insider verkaufen – was oft zu Kursrückgängen führt, weil Private-Equity-Fonds und Risikokapitalgeber Gewinne realisieren. Das Datum des Lock-up-Ablaufs sollte man im Kalender markieren.

Warum underperformen viele IPOs in den ersten Jahren?

Studien (u.a. Ritter, University of Florida) zeigen, dass IPOs in den ersten 3–5 Jahren im Schnitt 20–30% schlechter abschneiden als vergleichbare Unternehmen. Gründe: Unternehmen gehen zum optimalen Zeitpunkt an die Börse (wenn Bewertungen hoch sind), IPO-Hype erzeugt überhöhte Erstbewertungen, Altgesellschafter verkaufen nach der Lock-up-Periode, und es fehlt eine lange öffentliche Track-Record. Das schließt Einzelfälle wie Facebook, Amazon oder Google nicht aus.

Wie kommt der Ausgabepreis beim IPO zustande?

Im Bookbuilding-Verfahren sammeln Investmentbanken verbindliche Kaufabsichten institutioneller Investoren für eine Preisspanne (z.B. 20–25 Euro). Auf Basis von Qualität und Menge der Orders wird der endgültige Ausgabepreis festgesetzt – bei starker Nachfrage am oberen Ende der Spanne. Überzeichnete IPOs führen zu Zuteilungen kleiner als beantragt; alle Käufer zahlen denselben Ausgabepreis.

Kann man als Privatanleger an einem IPO teilnehmen?

Ja, aber mit erheblichen Einschränkungen. Viele Broker bieten IPO-Zeichnungsangebote für Privatkunden an. Institutionelle Investoren erhalten jedoch den Großteil der Zuteilung (oft 80–95%). Privatanleger bekommen oft nur einen Bruchteil ihrer beantragten Menge. Alternativ kann man Aktien nach dem ersten Handelstag im regulären Handel kaufen – was manchmal günstiger ist als der Ausgabepreis, falls die Aktie unter diesem eröffnet.