Die Ursachen der Finanzkrise: Subprime, CDOs und exzessiver Leverage
Die Weltfinanzkrise 2007–2009 war keine unvorhersehbare Naturkatastrophe. Sie war das vorhersehbare Ergebnis eines jahrelangen Aufbaus systemischer Risiken im Finanzsystem — ermöglicht durch mangelnde Regulierung, Interessenkonflikte und kollektive Selbstüberschätzung.
Der US-Immobilienmarkt: Das Fundament der Blase
In den Jahren 2001–2006 erlebten die USA einen außergewöhnlichen Immobilienboom. Die Immobilienpreise stiegen in vielen Märkten jährlich um 10–20%. Die Federal Reserve hielt die Zinsen nach der Dotcom-Krise und den Anschlägen vom 11. September 2001 sehr niedrig, was Hypothekenkredite billig und verlockend machte.
Gleichzeitig vergaben Hypothekenbanken in großem Stil Subprime-Hypotheken — Kredite an Schuldner mit schlechter Bonität. Die Logik war verführerisch: Selbst wenn ein Schuldner nicht mehr zahlen kann, steigt der Immobilienwert sowieso — also kann die Bank das Haus verkaufen und trotzdem profitieren. Diese Logik setzte voraus, dass Immobilienpreise niemals fallen. Sie taten es dann doch.
In der Spitze der Blase wurden sogenannte NINJA-Loans vergeben: „No Income, No Job, No Assets" — Kredite an Menschen ohne nachgewiesenes Einkommen, ohne Job, ohne Vermögen. Das Volumen an Subprime-Hypotheken wuchs von etwa 35 Milliarden Dollar (1994) auf 625 Milliarden Dollar (2005).
CDOs und Credit Default Swaps: Wie das Risiko global wurde
Das eigentliche Problem war nicht nur, dass schlechte Hypotheken vergeben wurden. Das Problem war, wie diese Hypotheken verpackt und weiterverkauft wurden — und wie das Risiko dabei global verstreut wurde, ohne dass jemand noch wusste, wo es steckte.
Collateralized Debt Obligations (CDOs) bündelten tausende Hypothekenkredite in ein Wertpapier und verkauften dieses in Tranchen unterschiedlicher Risikoklassen. Die oberste Tranche (AAA-Rating) galt als sicher, weil selbst bei vielen Kreditausfällen die AAA-Tranche noch bedient werden würde — so die Theorie. Rating-Agenturen wie Moody's, S&P und Fitch vergaben AAA-Ratings für Produkte, die aus minderwertigen Subprime-Hypotheken bestanden — getrieben durch Interessenkonflikte (die Emittenten bezahlten für das Rating).
Credit Default Swaps (CDS) waren Versicherungskontrakte gegen Kreditausfälle. AIG — einer der größten US-Versicherer — hatte für Hunderte Milliarden Dollar an CDS-Verpflichtungen unterschrieben, ohne ausreichend Reserven zu halten. Als Subprime-Hypotheken massenhaft ausfielen, war AIG nicht in der Lage, die Versicherungsleistungen zu erbringen.
Chronologie der Krise: Von Bear Stearns bis Lehman
Erste Risse: Hypothekenausfälle häufen sich
Im Sommer 2007 beginnen US-Hypothekenbanken zu scheitern. American Home Mortgage (August 2007) meldet Insolvenz. Die ersten CDO-Fonds müssen Verluste abschreiben. Die BNP Paribas friert im August 2007 drei ihrer Hedgefonds ein — das erste Signal, dass das Problem Europa erreicht hat. Die Europäische Zentralbank pumpt 95 Milliarden Euro in den Markt.
Bear Stearns kollabiert — Fed rettet ihn über JP Morgan
Bear Stearns, die fünftgrößte US-Investmentbank, gerät in eine Liquiditätskrise. Die Fed organisiert in einem Wochenende die Übernahme durch JP Morgan Chase für 2 Dollar pro Aktie (ursprünglicher Handelskurs: über 150 Dollar). Die Fed garantiert 29 Milliarden Dollar an faulen Assets. Dieses "Bail-out" schafft eine fatale Erwartung: Die Wall Street glaubt, die Fed wird immer einspringen.
Lehman Brothers meldet Insolvenz — Systemschock
Am Wochenende des 13./14. September 2008 versuchte die US-Regierung, einen Käufer für Lehman zu finden. Barclays und Bank of America sagten ab. Am Montag, dem 15. September 2008, meldete Lehman Brothers — mit 700 Milliarden Dollar Bilanzsumme die viertgrößte US-Investmentbank — Insolvenz nach Chapter 11 an. Der Dow Jones fiel an diesem Tag um 4,4%, der größte Tagesverlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001.
AIG-Rettung: 182 Milliarden Dollar Staatshilfe
Einen Tag nach der Lehman-Pleite rettet die US-Regierung AIG mit zunächst 85 Milliarden Dollar. Insgesamt fließen 182 Milliarden Dollar. Der Grund: AIG hatte so viele Credit Default Swaps geschrieben, dass ein AIG-Zusammenbruch sämtliche Großbanken gleichzeitig in den Abgrund gerissen hätte. Die systemische Verflechtung war zu groß.
TARP: US-Kongress genehmigt 700 Milliarden Dollar Bankenrettung
Der Troubled Asset Relief Program (TARP) ermöglicht der US-Regierung, Anteile an Banken zu kaufen und faule Assets zu übernehmen. Citigroup, Bank of America, Goldman Sachs, Morgan Stanley und andere Großbanken erhalten Milliardenhilfen. Im Nachhinein: TARP kostete die US-Steuerzahler weniger als ursprünglich befürchtet — viele Banken zahlten das Geld mit Zinsen zurück.
S&P 500 erreicht Tief bei 666 Punkten
Am 9. März 2009 erreicht der S&P 500 sein Tief bei 666,79 Punkten — 57% unter dem Allzeithoch vom Oktober 2007. Es ist der tiefste Stand seit November 1996. Von diesem Tiefpunkt aus beginnt eine der stärksten und längsten Bullenmärkte der Geschichte.
S&P 500 überschreitet Allzeithoch von 2007
Der S&P 500 erreicht im April 2013 erstmals wieder das Allzeithoch von Oktober 2007. Wer im März 2009 kaufte, hatte bis dahin eine Rendite von über 130%. Wer im Oktober 2007 kaufte und aushielt, hatte nach rund 5,5 Jahren wieder seinen Einstand erreicht und profitierte danach von weiteren Kursgewinnen.
Bankenrettungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Deutschland: Commerzbank
Staatliche Stützung durch den SoFFin (Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung). Der Bund hielt zeitweise über 25% der Commerzbank-Aktien. Auch die Hypo Real Estate musste vollständig verstaatlicht werden.
Schweiz: UBS
Oktober 2008: Der Bund beteiligt sich mit 6 Milliarden CHF an der UBS. Die SNB übernimmt rund 39 Milliarden Dollar an toxischen Assets in einen Stabilisierungsfonds. UBS hatte sich beim US-Subprime-Markt massiv verspekuliert.
Österreich: Hypo Alpe Adria
Die Hypo Alpe Adria, in der Finanzkrise 2009 verstaatlicht, entwickelte sich zur teuersten Bankenpleite Österreichs. Die Abwicklung kostete den österreichischen Steuerzahler rund 5 Milliarden Euro.
Lektionen für Anleger: Was die Finanzkrise lehrt
Was die Finanzkrise für langfristige Anleger bedeutet
1. Durchhalten wurde belohnt. Wer im Oktober 2007 beim Allzeithoch des S&P 500 kaufte und aushielt, hatte bereits im April 2013 wieder den Einstand erreicht und profitierte danach von weiteren Kursgewinnen. 10 Jahre nach dem Tief (März 2019) hatte das Investment mehr als 400% Wertzuwachs.
2. Panikverkauf war der schlimmste Fehler. Wer im März 2009 — auf dem Höhepunkt der Panik — verkaufte, realisierte Verluste von 57% und verpasste gleichzeitig eine der stärksten Erholungen der Geschichte. Der Nachkauf wäre im Rückblick ideal gewesen.
3. Diversifikation über Anlageklassen schützt — aber nicht vollständig. Staatsanleihen stiegen in der Krise, während Aktien fielen. Wer ein ausgewogenes Portfolio hatte, erlitt geringere Verluste. Aber selbst Aktienportfolios erholten sich vollständig.
4. Systemrisiken sind real, aber endlich. Die Finanzkrise 2008 war systemisch — sie betraf das gesamte Bankensystem. Trotzdem kollabierten die Märkte nicht dauerhaft. Regierungen und Zentralbanken handeln in Systemkrisen — das begrenzt den Totalverlust, den Anleger faktisch erleiden können.
Häufige Fragen zur Finanzkrise 2008 (FAQ)
Was waren die Hauptursachen der Finanzkrise 2008?
Die Hauptursachen waren: Erstens der US-Immobilienmarkt-Boom auf Kredit, bei dem Hypotheken ohne ausreichende Bonitätsprüfung vergeben wurden (Subprime-Hypotheken). Zweitens wurden diese Hypotheken in komplexe Finanzprodukte (CDOs) verpackt und weltweit verkauft, was das Risiko global verteilte — aber auch versteckte. Drittens hatte das Bankensystem exzessiven Leverage aufgebaut: Viele Banken hatten Eigenkapitalquoten von unter 3%, waren also 30-fach gehebelt. Viertens sicherten Credit Default Swaps das Risiko ab — aber die Versicherer (allen voran AIG) konnten die Auszahlungen im Ernstfall nicht leisten.
Was ist am 15. September 2008 passiert?
Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers — die viertgrößte US-Investmentbank mit 700 Milliarden Dollar Bilanzsumme — Insolvenz nach Chapter 11 an. Es war die größte Unternehmenspleite der Geschichte. Die Lehman-Pleite löste eine weltweite Panik aus: Geldmarktfonds brachen zusammen (der Reserve Primary Fund "brach die Eins", also fiel unter 1 Dollar pro Anteil), Interbanken-Kreditmärkte froren ein, Aktienmärkte weltweit stürzten ab. Die Pleite gilt als der unmittelbare Auslöser der globalen Finanzkrise.
Wie stark fiel der S&P 500 in der Finanzkrise?
Der S&P 500 fiel von seinem Allzeithoch im Oktober 2007 bei 1.565 Punkten bis zum Tiefpunkt am 9. März 2009 auf 666 Punkte — ein Minus von 57%. Der DAX verlor über denselben Zeitraum rund 55%. Der MSCI World verlor etwa 57%. Der Schweizer SMI fiel von rund 9.500 auf unter 4.400 Punkte — ebenfalls über 50%. Wer durchhielt, erlebte die vollständige Erholung: Der S&P 500 erreichte im April 2013 neue Allzeithochs.
Welche Banken wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz gerettet?
In Deutschland wurde die Commerzbank mit 18,2 Milliarden Euro staatlicher Hilfe durch den SoFFin gerettet; der Bund hielt zeitweise über 25% der Aktien. Die Hypo Real Estate musste vollständig verstaatlicht und später abgewickelt werden. In der Schweiz erhielt die UBS im Oktober 2008 6 Milliarden CHF staatliche Hilfe, die SNB übernahm rund 39 Milliarden Dollar toxischer Assets. In Österreich wurde die Hypo Alpe Adria 2009 verstaatlicht und kostete den Steuerzahler rund 5 Milliarden Euro bei der Abwicklung.
Welche Reformen folgten der Finanzkrise 2008?
Wichtigste Reformen: Basel III (2010 verabschiedet, schrittweise eingeführt) erhöhte die Eigenkapitalanforderungen für Banken weltweit deutlich. In den USA verabschiedete der Kongress 2010 den Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act, der unter anderem den Volcker Rule einführte (Beschränkung des Eigenhandels von Banken). Die EU verschärfte die Bankenregulierung durch CRD IV (Capital Requirements Directive). Systemrelevante Banken ("Too big to fail") mussten Sanierungspläne ("Living Wills") erstellen und halten seitdem deutlich mehr Eigenkapital.
Weitere wichtige Börsencrashs und Lektionen
- Dotcom-Blase 2000: Nasdaq −83% und 15 Jahre Erholungszeit
- Corona-Crash 2020: Schnellster Crash — und schnellste Erholung
- Richtig verhalten im Börsencrash: Die wichtigsten Regeln
- Verlustangst: Warum Panikverkäufe so teuer sind
- ETF: Breit diversifiziert durch Krisen
- 4%-Regel: Entnahme auch nach Crashs