Die 4%-Regel: Wieviel Kapital brauche ich für die finanzielle Freiheit?

Jahresausgaben × 25 = Zielportfolio. Diese einfache Formel aus der Trinity Study von 1998 bestimmt, wie viel Kapital ein Portfolio haben muss, damit du 30 Jahre lang davon leben kannst — ohne den Kapitalstock aufzubrauchen.

1994
William Bengen entwickelte die 4%-Regel auf Basis historischer US-Marktdaten
×25
Faktor für die Berechnung des Zielportfolios (Jahresausgaben × 25)
30 Jahre
Zeithorizont der Trinity Study — für frühere Rente braucht man einen niedrigeren Entnahmesatz
95 %+
historische Erfolgsquote für 4% Entnahmerate bei 60% Aktien / 40% Anleihen (Trinity Study)

4%-Regel Rechner: Mein persönliches Zielportfolio

Gib Ihre monatlichen Ausgaben im Ruhestand ein — der Rechner zeigt Ihr Zielportfolio und eine Orientierung zur Sparrate.

Ihr Zielportfolio:

Monatliche Ausgaben (gesamt)
Abzüglich staatliche Rente/AHV
Kapitalbedarf aus Portfolio (monatl.)
Jahresentnahme
Entnahmerate
Zielportfolio
Vorhandenes Kapital
Noch aufzubauen
Benötigte Sparrate (7% Rendite p.a.)

Hinweis: Die Berechnung basiert auf einer vereinfachten Zukunftsrendite von 7% p.a. (nominal) bzw. ca. 5% nach Inflation. Vergangene Renditen sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Die Sparrate berücksichtigt nicht die Rendite auf bereits vorhandenes Kapital.

Der Ursprung der 4%-Regel: William Bengen 1994

Im Jahr 1994 veröffentlichte der US-Finanzberater William Bengen einen Aufsatz im Journal of Financial Planning, der die Altersvorsorge-Diskussion für Jahrzehnte prägen sollte: "Determining Withdrawal Rates Using Historical Data."

Bengens Frage war praktisch: Wie viel Prozent seines Portfoliowertes kann ein Rentner jährlich entnehmen — inflationsangepasst — ohne das Risiko einzugehen, das Portfolio aufzubrauchen, bevor er stirbt? Und das über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren.

Bengen analysierte US-Marktdaten ab 1926 und testete verschiedene Entnahmeraten für Portfolios aus Aktien (S&P 500) und US-Staatsanleihen. Das Ergebnis: Bei einer Entnahmerate von 4% (des anfänglichen Portfoliowerts, jährlich an die Inflation angepasst) überstand das Portfolio in allen historischen Szenarien — einschließlich der Großen Depression der 1930er Jahre und der stagflationären 1970er Jahre — mindestens 30 Jahre.

Diese Entnahmerate nannte Bengen "SAFEMAX" — die maximale sichere Entnahmerate. Sie entspricht dem bekannten Faktor: Jahresausgaben × 25 = Zielportfolio.

Die Trinity Study (1998): Bestätigung und Erweiterung

Vier Jahre nach Bengen veröffentlichten Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz von der Trinity University (San Antonio, Texas) ihre eigene Analyse, die als "Trinity Study" in die Finanzliteratur einging: "Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable."

Die Trinity Study untersuchte verschiedene Portfolio-Kombinationen (von 100% Aktien bis 100% Anleihen) und verschiedene Entnahmeraten (von 3% bis 8%) über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren. Die zentralen Befunde:

  • Bei 4% Entnahmerate und einem Portfolio aus 75% Aktien/25% Anleihen hielt das Portfolio über 30 Jahre in 98% aller historischen Szenarien.
  • Bei 50% Aktien/50% Anleihen lag die Erfolgsquote bei 95%.
  • Bei 4% und 100% Anleihen (ohne Aktien) fiel die Erfolgsquote auf nur 20% — Anleihen allein reichen nicht für eine nachhaltige Entnahme über 30 Jahre.
  • Bei 5% Entnahmerate und 75% Aktien: 82% Erfolgsquote — schon deutlich riskanter.

Das Kernfazit: Eine ausgewogene Portfolio-Allokation mit überwiegend Aktien ist entscheidend für die Nachhaltigkeit der Entnahme. Anleihen allein sind für die Altersvorsorge über 30 Jahre zu unsicher.

So berechne ich mein Zielportfolio

Die Berechnung ist einfach:

Zielportfolio = (Monatliche Ausgaben − staatliche Rente) × 12 × 25

Drei Beispiele für Deutschland, Österreich und die Schweiz:

2.000 € netto
monatlicher Bedarf aus Portfolio
Jahresentnahme: 24.000 € → Zielportfolio: 600.000 €
3.000 € netto
monatlicher Bedarf aus Portfolio
Jahresentnahme: 36.000 € → Zielportfolio: 900.000 €
4.500 CHF netto
monatlicher Bedarf aus Portfolio (CH)
Jahresentnahme: 54.000 CHF → Zielportfolio: 1.350.000 CHF

Wichtig: "Monatlicher Bedarf aus Portfolio" meint die Ausgaben, die nicht durch staatliche Rentenleistungen gedeckt werden. Wer monatlich 3.000 Euro braucht und 1.500 Euro gesetzliche Rente (DE) oder AHV (CH) erhält, muss nur 1.500 Euro aus dem Portfolio entnehmen — das Zielportfolio sinkt auf 1.500 × 12 × 25 = 450.000 Euro.

Grenzen der 4%-Regel: Was sie nicht berücksichtigt

Wichtige Einschränkungen der 4%-Regel:
  • US-Daten, US-Dollar: Die Studie basiert ausschließlich auf US-Marktdaten. Europäische und Schweizer Aktienmärkte hatten historisch etwas niedrigere Renditen. Die Währungskomponente (USD vs. EUR/CHF) ist nicht berücksichtigt.
  • 30-Jahres-Horizont: Wer mit 50 Jahren in Rente geht und 90 Jahre alt wird, hat einen 40-jährigen Entnahmehorizont. Für diesen ist eine Entnahmerate von 3–3,5% sicherer.
  • Heutige Bewertungen: Manche Forscher (z.B. Pfau, Kitces) argumentieren, dass erhöhte Aktienbewertungen und niedrige Anleiherenditen künftig niedrigere Portfoliorenditen bedeuten — und damit eine sichere Entnahmerate von vielleicht 3,3% empfehlen.
  • Keine Flexibilität eingebaut: Die klassische 4%-Regel geht von strikter inflationsangepasster Entnahme aus. In schlechten Marktjahren die Entnahme leicht zu reduzieren, erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich.

DACH-spezifische Überlegungen: Schweiz, Österreich, Deutschland

Für Anleger im deutschsprachigen Raum gibt es besondere Faktoren zu berücksichtigen:

Schweiz (AHV + BVG + Säule 3a)

Das Schweizer Drei-Säulen-System ist eines der robustesten Altersvorsorgesysteme weltweit. Die AHV (1. Säule) liefert Grundleistungen, die BVG-Pensionskasse (2. Säule) ergänzt je nach Arbeitgeber erheblich, und die Säule 3a ermöglicht steueroptimiertes privates Sparen. Das bedeutet: Der Portfoliobedarf für die meisten Schweizer ist erheblich geringer als für Menschen ohne gesetzliche Rente. Ein Paar in der Schweiz erhält aus AHV allein bis zu 3.555 CHF/Monat (Stand 2024). Hinzu kommt die Pensionskassenrente.

Der Portfoliobedarf für Schweizer liegt damit oft nur im Bereich von 1.000–2.000 CHF/Monat — ein Zielportfolio von 300.000–600.000 CHF, nicht 1+ Mio. CHF.

Deutschland (gesetzliche Rentenversicherung)

Die gesetzliche Rente in Deutschland ist für Durchschnittsverdiener erheblich: Ein Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren erhält ca. 1.500–1.800 Euro brutto/Monat (Stand 2024). Bei einem Ehepaar, bei dem beide berufstätig waren, kann das in die Nähe von 3.000 Euro netto kommen. Das reduziert den Portfoliobedarf erheblich. Trotzdem empfiehlt sich privates Ansparen als Ergänzung — die Unsicherheit über künftige Rentenniveaus ist real.

Österreich (ASVG-Pension)

Österreich hat eines der großzügigsten staatlichen Rentensysteme Europas: Das Pensionsniveau liegt im Schnitt bei rund 80% des letzten Bruttogehalts (mit Deckelung). Ein Österreicher mit durchschnittlichem Einkommen und langer Beitragsdauer erhält eine erhebliche staatliche Pension. Trotzdem: Die langfristige Finanzierbarkeit des Systems steht unter Druck, und privates Zusatzkapital reduziert die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen.

Wann reichen 3% statt 4%?

4 %
Faktor ×25
Klassisch: 30 Jahre Rentenhorizont, ausgewogenes Portfolio, US-Marktdaten. Erfolgsquote: 95–98% historisch.
3,5 %
Faktor ×28,6
Empfehlung für europäische Anleger oder Rentenhorizont von 35+ Jahren. Mehr Puffer bei niedrigeren EU-Marktrenditen.
3 %
Faktor ×33
Sehr konservativ: Rente mit 50, 40+ Jahre Horizont, oder wenn man auf Nummer sicher gehen will. Historisch nahezu unfehlbar.

Häufige Fragen zur 4%-Regel (FAQ)

Was ist die 4%-Regel?

Die 4%-Regel besagt, dass ein Portfolio aus 50–75% Aktien und 25–50% Anleihen über einen Zeitraum von 30 Jahren hält, wenn man jährlich maximal 4% des anfänglichen Portfoliowerts entnimmt (inflationsangepasst). William Bengen entwickelte diese Regel 1994 auf Basis historischer US-Marktdaten seit 1926. Die Trinity Study (1998) bestätigte und verfeinerte diesen Ansatz: Bei 75% Aktien/25% Anleihen und 4% Entnahme hielt das Portfolio in 98% aller historisch getesteten Szenarien über 30 Jahre. Das entspricht der Formel: Jahresausgaben × 25 = benötigtes Zielportfolio.

Wie berechne ich mein Zielportfolio mit der 4%-Regel?

Das Zielportfolio berechnet sich als: Jahresausgaben (aus Portfolio) × 25. Der entscheidende Punkt: "Ausgaben aus Portfolio" sind die Ausgaben, die nicht durch staatliche Rentenleistungen gedeckt werden. Wer 3.000 Euro pro Monat braucht und 1.500 Euro Rente erhält, muss nur 1.500 Euro monatlich (= 18.000 Euro jährlich) aus dem Portfolio entnehmen — das Zielportfolio beträgt 18.000 × 25 = 450.000 Euro. Wer 3.000 Euro komplett aus dem Portfolio braucht (36.000 × 25 = 900.000 Euro).

Gilt die 4%-Regel auch in der Schweiz, Österreich und Deutschland?

Die 4%-Regel basiert auf US-Marktdaten (S&P 500 und US-Anleihen). Für DACH-Anleger ist sie als Orientierungsgröße verwendbar, aber mit Vorsicht: Europäische Marktrenditen waren historisch etwas niedriger als US-Renditen. Zudem profitieren DACH-Anleger von staatlichen Rentensystemen (AHV in der Schweiz, gesetzliche Rente in Deutschland, ASVG-Pension in Österreich), die den Portfoliobedarf erheblich reduzieren. Manche Experten empfehlen für europäische Verhältnisse eine konservativere Quote von 3–3,5%. Wer einen global diversifizierten MSCI World ETF hält (der US-Aktien stark gewichtet), kann sich aber eher an der US-basierten 4%-Regel orientieren.

Was sind die Grenzen der 4%-Regel?

Wichtige Grenzen: Erstens basiert die Regel auf US-Daten und gilt nominell für 30 Jahre — wer früher in Rente geht, braucht eine niedrigere Entnahmerate. Zweitens berücksichtigt sie nicht die Möglichkeit, dass künftige Marktrenditen niedriger ausfallen als historische (einige Forscher sprechen von 3,3% als sicherere Rate für aktuelle Bewertungen). Drittens ist sie nicht für Portfolios aus 100% Anleihen geeignet — die Trinity Study zeigt für Anleihen-Portfolios dramatisch niedrigere Erfolgsquoten. Viertens fehlt die Flexibilität: Wer in schlechten Jahren die Entnahme leicht reduziert, verbessert die Nachhaltigkeit erheblich.

Wie spare ich auf das Zielportfolio der 4%-Regel hin?

Der wichtigste Faktor ist der Start-Zeitpunkt: Wer früh beginnt, profitiert vom Zinseszinseffekt über Jahrzehnte. Bei einer angenommenen Rendite von 7% p.a. (nominal) und einem Anlagehorizont von 25 Jahren braucht man etwa 800 Euro monatlich, um von 0 auf 500.000 Euro zu kommen (ohne Startkapital). Für 900.000 Euro etwa 1.500 Euro monatlich. Bestehende Staatspensionen und die Rendite auf bereits vorhandenes Kapital sind in Abzug zu bringen. Ein ETF-Sparplan auf einen globalen Index (MSCI World, MSCI ACWI) ist das effizienteste Instrument zum Aufbau des Zielportfolios.