Was ist das KGV?
Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis, englisch: Price-to-Earnings Ratio, P/E) ist eine der wichtigsten und meistgenutzten Kennzahlen zur Bewertung von Aktien. Es gibt an, wie viele Jahresgewinne Anleger bereit sind, für einen Anteil an einem Unternehmen zu bezahlen.
Ein KGV von 20 bedeutet: Der Markt zahlt das 20-fache des Jahresgewinns für diese Aktie. Oder anders ausgedrückt: Würde das Unternehmen seinen gesamten Gewinn als Dividende ausschütten (ohne Wachstum), würde es 20 Jahre dauern, bis man sein investiertes Kapital zurückerhält — die sogenannte "Kehrwert-Logik" des KGV.
Das KGV wurde seit Jahrzehnten von Analysten, Fondsmanagern und privaten Anlegern genutzt, weil es einen schnellen, intuitiven Vergleich zwischen verschiedenen Aktien oder zwischen einer Aktie und dem historischen Marktdurchschnitt ermöglicht.
Trailing-KGV vs. Forward-KGV
Je nachdem, welche Gewinnzahl im Nenner verwendet wird, unterscheidet man zwei Varianten:
- Trailing-KGV (TTM P/E): Basiert auf dem tatsächlichen Gewinn der letzten 12 Monate (Trailing Twelve Months). Dieser Wert ist belastbar, weil er auf tatsächlich realisierten Zahlen beruht. Nachteil: Er ist rückwärtsgerichtet und spiegelt nicht die aktuelle Geschäftsentwicklung wider.
- Forward-KGV (Forward P/E): Basiert auf dem erwarteten Gewinn der nächsten 12 Monate, basierend auf dem Konsens der Analysten-Schätzungen. Dieser Wert ist zukunftsorientierter und oft niedriger als das Trailing-KGV, weil Analysten typischerweise Gewinnwachstum projizieren. Nachteil: Schätzungen können sich irren, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit.
Das Shiller-CAPE: Zyklisch bereinigtes KGV
Das CAPE (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio), auch als Shiller-KGV bekannt, wurde von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller (Yale University) entwickelt. Es löst ein wesentliches Problem des normalen KGV: In Boom-Phasen sind Unternehmensgewinne künstlich hoch, in Rezessionen künstlich niedrig, was das KGV verzerrt.
Das CAPE berechnet das KGV auf Basis der inflationsbereinigten Durchschnittsgewinne der letzten 10 Jahre — damit werden konjunkturelle Schwankungen geglättet und ein stabileres Bewertungsmaß erhalten:
Das Shiller-CAPE des S&P 500 lag Ende 2024 bei über 35 — historisch gesehen ein sehr hohes Niveau, das nur während der Dotcom-Blase 2000 (CAPE ~44) und kurzzeitig danach überschritten wurde. In der Schweiz nutzt die Nationalbank ähnliche Bewertungsmetriken für ihre Stabilitätsanalysen. Im Jahr 2007, kurz vor der Finanzkrise, lag das CAPE bei ~27, was im Nachhinein als Warnsignal gilt.
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Historische KGV-Durchschnitte
Um ein KGV richtig einzuordnen, braucht man historische Referenzwerte:
- S&P 500 (USA): Historischer Durchschnitt 1900–2024: ca. 15–17. Aktuell (Ende 2024): ca. 25–27
- DAX (Deutschland): Historischer Durchschnitt: ca. 14–16. Aktuell: ca. 13–15 (DAX ist traditionell günstiger als US-Märkte)
- SMI (Schweiz): Historischer Durchschnitt: ca. 17–19, getrieben von defensiven Sektoren (Nestlé, Roche, Novartis)
- ATX (Österreich): Historischer Durchschnitt: ca. 10–14, oft unter europäischem Durchschnitt, geprägt von Banken und Industrie
Branchenunterschiede beim KGV
| Sektor | Typisches KGV | Begründung |
|---|---|---|
| Technologie / Software | 30–60+ | Hohes Wachstum, Skaleneffekte, geringe Kapitalintensität |
| Konsumgüter (Staples) | 20–30 | Stabiler Cashflow, zuverlässige Gewinne, Preisp-Macht |
| Gesundheit / Pharma | 18–28 | Patentschutz, wachsende Nachfrage, Innovationspipeline |
| Versorger | 14–20 | Stabile, regulierte Gewinne, hohe Dividendenrendite |
| Industrie | 14–20 | Zyklisch, aber mit stabilem Cashflow in Aufschwungphasen |
| Banken / Versicherungen | 8–14 | Zinsrisiko, regulierungsintensiv, hohe Bilanzkomplexität |
| Rohstoffe / Energie | 6–12 | Stark zyklisch, Rohstoffpreisschwankungen dominieren |
DACH-Aktien: KGV-Beispiele
| Unternehmen | Land | Sektor | KGV (ca. 2024) | Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| SAP SE | Deutschland | Software | ~30–35 | Prämium für Cloud-Wachstum gerechtfertigt |
| Nestlé | Schweiz | Konsumgüter | ~19–22 | Moderat, historisch eher 22–28 |
| OMV | Österreich | Energie | ~7–10 | Günstig, aber zyklisch und ölpreisabhängig |
| Allianz SE | Deutschland | Versicherung | ~11–13 | Branchentypisch günstig bewertet |
| ASML | Niederlande | Halbleiter | ~35–50 | Monopolposition rechtfertigt Prämium |
| Verbund | Österreich | Versorger | ~20–25 | Prämium für grüne Energie, Wachstumsinvestor |
Hinweis: KGVs schwanken mit Aktienkurs und Gewinnen. Angaben ohne Gewähr, Anhaltswerte für 2024.
PEG-Ratio: KGV im Wachstumskontext
Die PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth) wurde von Investmentlegende Peter Lynch populär gemacht. Sie erweitert das KGV um die Wachstumsdimension:
Interpretation der PEG-Ratio:
- PEG unter 1: Aktie könnte günstig sein relativ zu ihrem Wachstum
- PEG = 1: Fair bewertet (das Wachstum rechtfertigt das KGV)
- PEG über 2: Möglicherweise überbewertet, Wachstum rechtfertigt KGV nicht vollständig
Grenzen des KGV: Wann es versagt
- Negatives KGV bei Verlust: Macht das Unternehmen einen Verlust, ist der EPS negativ, und das KGV ist nicht aussagekräftig (oder wird gar nicht angegeben)
- Extremes Einmalergebnis: Ein außergewöhnlicher Sondergewinn (z.B. Verkauf einer Tochtergesellschaft) verzerrt das KGV stark nach unten — scheinbar günstig, aber nicht nachhaltig
- Branchenvergleich ohne Kontext: Ein KGV von 8 bei einer Bank ist normal; dasselbe KGV bei einem Technologieunternehmen wäre bemerkenswert günstig — oder ein Warnsignal
- Hoch-Inflation: In Hochinflationsphasen steigen nominale Gewinne, das KGV sinkt, obwohl Realgewinne gleich bleiben. Das KGV täuscht dann Günstigbewertung vor