KGV: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis einfach erklärt

Das KGV ist die meistgenutzte Bewertungskennzahl für Aktien. Wie es berechnet wird, was Forward-KGV und Shiller-CAPE bedeuten und wie man es richtig interpretiert — mit interaktivem Rechner.

Was ist das KGV?

Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis, englisch: Price-to-Earnings Ratio, P/E) ist eine der wichtigsten und meistgenutzten Kennzahlen zur Bewertung von Aktien. Es gibt an, wie viele Jahresgewinne Anleger bereit sind, für einen Anteil an einem Unternehmen zu bezahlen.

KGV-Formel:
KGV = Aktienkurs / Gewinn je Aktie (EPS)
Beispiel: Kurs 50 € / Gewinn je Aktie 2,50 € = KGV 20

Ein KGV von 20 bedeutet: Der Markt zahlt das 20-fache des Jahresgewinns für diese Aktie. Oder anders ausgedrückt: Würde das Unternehmen seinen gesamten Gewinn als Dividende ausschütten (ohne Wachstum), würde es 20 Jahre dauern, bis man sein investiertes Kapital zurückerhält — die sogenannte "Kehrwert-Logik" des KGV.

Das KGV wurde seit Jahrzehnten von Analysten, Fondsmanagern und privaten Anlegern genutzt, weil es einen schnellen, intuitiven Vergleich zwischen verschiedenen Aktien oder zwischen einer Aktie und dem historischen Marktdurchschnitt ermöglicht.

Trailing-KGV vs. Forward-KGV

Je nachdem, welche Gewinnzahl im Nenner verwendet wird, unterscheidet man zwei Varianten:

  • Trailing-KGV (TTM P/E): Basiert auf dem tatsächlichen Gewinn der letzten 12 Monate (Trailing Twelve Months). Dieser Wert ist belastbar, weil er auf tatsächlich realisierten Zahlen beruht. Nachteil: Er ist rückwärtsgerichtet und spiegelt nicht die aktuelle Geschäftsentwicklung wider.
  • Forward-KGV (Forward P/E): Basiert auf dem erwarteten Gewinn der nächsten 12 Monate, basierend auf dem Konsens der Analysten-Schätzungen. Dieser Wert ist zukunftsorientierter und oft niedriger als das Trailing-KGV, weil Analysten typischerweise Gewinnwachstum projizieren. Nachteil: Schätzungen können sich irren, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit.
Faustregel: In Bewertungsgesprächen und Medienberichten wird meist das Forward-KGV verwendet, wenn es um die Frage geht, ob eine Aktie günstig oder teuer ist. Das Trailing-KGV ist für Vergangenheitsvergleiche nützlich. Immer prüfen, welche Gewinnbasis genutzt wird!

Das Shiller-CAPE: Zyklisch bereinigtes KGV

Das CAPE (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio), auch als Shiller-KGV bekannt, wurde von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller (Yale University) entwickelt. Es löst ein wesentliches Problem des normalen KGV: In Boom-Phasen sind Unternehmensgewinne künstlich hoch, in Rezessionen künstlich niedrig, was das KGV verzerrt.

Das CAPE berechnet das KGV auf Basis der inflationsbereinigten Durchschnittsgewinne der letzten 10 Jahre — damit werden konjunkturelle Schwankungen geglättet und ein stabileres Bewertungsmaß erhalten:

CAPE = Aktienkurs / Durchschnittlicher Gewinn (10 Jahre, inflationsbereinigt)
Historisches CAPE des S&P 500 (1881–heute): Durchschnitt ca. 17 | Aktuell (2024): ~35+

Das Shiller-CAPE des S&P 500 lag Ende 2024 bei über 35 — historisch gesehen ein sehr hohes Niveau, das nur während der Dotcom-Blase 2000 (CAPE ~44) und kurzzeitig danach überschritten wurde. In der Schweiz nutzt die Nationalbank ähnliche Bewertungsmetriken für ihre Stabilitätsanalysen. Im Jahr 2007, kurz vor der Finanzkrise, lag das CAPE bei ~27, was im Nachhinein als Warnsignal gilt.

KGV-Rechner: Jetzt berechnen

KGV online berechnen

Historische KGV-Durchschnitte

Um ein KGV richtig einzuordnen, braucht man historische Referenzwerte:

  • S&P 500 (USA): Historischer Durchschnitt 1900–2024: ca. 15–17. Aktuell (Ende 2024): ca. 25–27
  • DAX (Deutschland): Historischer Durchschnitt: ca. 14–16. Aktuell: ca. 13–15 (DAX ist traditionell günstiger als US-Märkte)
  • SMI (Schweiz): Historischer Durchschnitt: ca. 17–19, getrieben von defensiven Sektoren (Nestlé, Roche, Novartis)
  • ATX (Österreich): Historischer Durchschnitt: ca. 10–14, oft unter europäischem Durchschnitt, geprägt von Banken und Industrie

Branchenunterschiede beim KGV

SektorTypisches KGVBegründung
Technologie / Software30–60+Hohes Wachstum, Skaleneffekte, geringe Kapitalintensität
Konsumgüter (Staples)20–30Stabiler Cashflow, zuverlässige Gewinne, Preisp-Macht
Gesundheit / Pharma18–28Patentschutz, wachsende Nachfrage, Innovationspipeline
Versorger14–20Stabile, regulierte Gewinne, hohe Dividendenrendite
Industrie14–20Zyklisch, aber mit stabilem Cashflow in Aufschwungphasen
Banken / Versicherungen8–14Zinsrisiko, regulierungsintensiv, hohe Bilanzkomplexität
Rohstoffe / Energie6–12Stark zyklisch, Rohstoffpreisschwankungen dominieren

DACH-Aktien: KGV-Beispiele

UnternehmenLandSektorKGV (ca. 2024)Einordnung
SAP SEDeutschlandSoftware~30–35Prämium für Cloud-Wachstum gerechtfertigt
NestléSchweizKonsumgüter~19–22Moderat, historisch eher 22–28
OMVÖsterreichEnergie~7–10Günstig, aber zyklisch und ölpreisabhängig
Allianz SEDeutschlandVersicherung~11–13Branchentypisch günstig bewertet
ASMLNiederlandeHalbleiter~35–50Monopolposition rechtfertigt Prämium
VerbundÖsterreichVersorger~20–25Prämium für grüne Energie, Wachstumsinvestor

Hinweis: KGVs schwanken mit Aktienkurs und Gewinnen. Angaben ohne Gewähr, Anhaltswerte für 2024.

PEG-Ratio: KGV im Wachstumskontext

Die PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth) wurde von Investmentlegende Peter Lynch populär gemacht. Sie erweitert das KGV um die Wachstumsdimension:

PEG = KGV / Erwartetes jährliches Gewinnwachstum (%)
Beispiel: KGV 30, Gewinnwachstum 30% → PEG = 1,0 (fair bewertet)

Interpretation der PEG-Ratio:

  • PEG unter 1: Aktie könnte günstig sein relativ zu ihrem Wachstum
  • PEG = 1: Fair bewertet (das Wachstum rechtfertigt das KGV)
  • PEG über 2: Möglicherweise überbewertet, Wachstum rechtfertigt KGV nicht vollständig

Grenzen des KGV: Wann es versagt

Das KGV ist sinnlos oder irreführend in diesen Situationen:
  • Negatives KGV bei Verlust: Macht das Unternehmen einen Verlust, ist der EPS negativ, und das KGV ist nicht aussagekräftig (oder wird gar nicht angegeben)
  • Extremes Einmalergebnis: Ein außergewöhnlicher Sondergewinn (z.B. Verkauf einer Tochtergesellschaft) verzerrt das KGV stark nach unten — scheinbar günstig, aber nicht nachhaltig
  • Branchenvergleich ohne Kontext: Ein KGV von 8 bei einer Bank ist normal; dasselbe KGV bei einem Technologieunternehmen wäre bemerkenswert günstig — oder ein Warnsignal
  • Hoch-Inflation: In Hochinflationsphasen steigen nominale Gewinne, das KGV sinkt, obwohl Realgewinne gleich bleiben. Das KGV täuscht dann Günstigbewertung vor

Häufige Fragen zum KGV

Was ist das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis)?
Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis, englisch: P/E Ratio) ist eine der meistgenutzten Bewertungskennzahlen für Aktien. Es gibt an, wie viele Jahresgewinne Anleger bereit sind, für eine Aktie zu bezahlen. Formel: KGV = Kurs je Aktie / Gewinn je Aktie (EPS). Ein KGV von 15 bedeutet: Der Marktpreis entspricht dem 15-fachen Jahresgewinn. Der historische Durchschnitt des S&P 500 liegt bei ca. 15–17.
Was ist der Unterschied zwischen Forward-KGV und Trailing-KGV?
Das Trailing-KGV (TTM P/E) basiert auf dem tatsächlichen Gewinn der letzten 12 Monate — belastbar, aber rückwärtsgerichtet. Das Forward-KGV basiert auf dem erwarteten Gewinn der nächsten 12 Monate (Analysten-Konsensschätzung) — zukunftsorientiert, aber unsicherer. Das Forward-KGV ist oft niedriger, weil Analysten meist Gewinnwachstum einpreisen. In Berichterstattung und Analysen wird häufig das Forward-KGV als Vergleichsmaßstab genutzt.
Was ist das Shiller-CAPE?
Das Shiller-CAPE (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio) wurde von Nobelpreisträger Robert Shiller (Yale) entwickelt. Es berechnet das KGV auf Basis der inflationsbereinigten Durchschnittsgewinne der letzten 10 Jahre, um konjunkturelle Schwankungen zu glätten. Das historische Shiller-CAPE des S&P 500 liegt bei ca. 17. Ein CAPE über 30 gilt als historisch teuer. Ende 2024 lag das CAPE bei über 35. Das Shiller-CAPE hat sich als Langzeit-Bewertungsindikator bewährt, eignet sich aber nicht für kurzfristiges Timing.
Was ist die PEG-Ratio?
Die PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth) erweitert das KGV um die erwartete Wachstumsrate: PEG = KGV / Gewinnwachstumsrate (%). Eine PEG von 1 gilt als fair bewertet, unter 1 als günstig, über 2 als teuer. Sie ist besonders nützlich beim Vergleich von Wachstumsunternehmen: Ein KGV von 30 kann günstig sein, wenn das Unternehmen 30% wächst (PEG = 1). Wurde von Investmentlegende Peter Lynch popularisiert. Schwäche: Wachstumsprognosen sind ebenfalls unsicher.
Welches KGV ist normal für eine Aktie?
Es gibt kein universell "normales" KGV — es hängt stark von Branche, Wachstumsprofil und Marktumfeld ab. Der S&P 500 hat historisch ein Durchschnitts-KGV von 15–17 gehabt, aktuell (2024) liegt es bei ~25+. Branchenunterschiede sind groß: Tech-Wachstumsaktien: KGV 30–60 normal; Banken und Versicherungen: KGV 8–12; Versorger: 15–20. DACH-Beispiele (2024): SAP: ~30–35, Nestlé: ~20, OMV: ~8. Ein KGV ist nur im Branchenkontext und im Zeitvergleich aussagekräftig.