Stammaktie vs. Vorzugsaktie auf einen Blick
| Merkmal | Stammaktie | Vorzugsaktie |
|---|---|---|
| Stimmrecht | Ja – 1 Aktie = 1 Stimme (i. d. R.) | Nein (Ausnahme: bei Dividendenausfall) |
| Dividende | Beschlossen durch Hauptversammlung | Höhere oder bevorzugte Dividende (Vorzugsdividende) |
| Börsenkürzel (DE) | Ohne Zusatz (z. B. BMW) | Mit Zusatz "Vz" (z. B. BMW Vz) |
| Insolvenzrang | Nachrangig (wie alle Aktien) | Oft gleich oder minimal bevorzugt bei Liquidation |
| Indexaufnahme (DAX) | Grundsätzlich möglich | Seit DAX-Reform 2021 faktisch ausgeschlossen |
| Typischer Kurs | Meist höher (Stimmrechtsprämie) | Meist etwas niedriger (Stimmrechtsabschlag) |
Was ist eine Stammaktie?
Die Stammaktie (englisch: Common Share oder Ordinary Share) ist die am häufigsten ausgegebene Aktiengattung. Sie verbrieft das klassische Eigentumsrecht an einer Aktiengesellschaft mit allen wesentlichen Rechten:
- Stimmrecht: Jede Stammaktie gewährt in der Regel eine Stimme auf der Hauptversammlung. Dort werden wesentliche Entscheidungen getroffen: Wahl des Aufsichtsrats, Beschluss über Dividenden, Satzungsänderungen.
- Dividendenrecht: Stammaktionäre erhalten die von der Hauptversammlung beschlossene Dividende, sofern eine ausgeschüttet wird.
- Bezugsrecht: Bei Kapitalerhöhungen haben Stammaktionäre das Recht, neue Aktien bevorzugt zu zeichnen, um ihre Beteiligungsquote zu erhalten.
- Börsenkürzel: Im deutschsprachigen Raum trägt die Stammaktie keinen gesonderten Zusatz im Namen (z. B. "Volkswagen" vs. "Volkswagen Vz").
Was ist eine Vorzugsaktie?
Die Vorzugsaktie (englisch: Preferred Share) verzichtet auf das Stimmrecht – im Gegenzug erhalten Vorzugsaktionäre einen Vorzug bei der Dividendenausschüttung. Dieser "Tausch" ist das Kernmerkmal dieser Aktiengattung.
- Kein Stimmrecht: Vorzugsaktionäre nehmen an Hauptversammlungen nicht mit Stimmrecht teil. Ausnahme: Wenn in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren keine Dividende gezahlt wird, kann ein nachträgliches Stimmrecht aufleben.
- Vorzugsdividende: Vorzugsaktionäre erhalten eine vertraglich festgelegte Mindestdividende oder einen festen Aufschlag auf die Stammaktien-Dividende, bevor Stammaktionäre bedient werden.
- Börsenkürzel: Im deutschen Raum wird die Vorzugsaktie mit dem Zusatz "Vz" oder "Pref." (international: "P") gekennzeichnet, z. B. "BMW Vz".
Wie erkenne ich die Aktiengattung?
Im eigenen Depot, auf Börsenkursseiten oder im Wertpapierprospekt lässt sich die Gattung anhand verschiedener Merkmale identifizieren:
- WKN (Wertpapierkennnummer): Stammaktie und Vorzugsaktie desselben Unternehmens haben unterschiedliche WKNs. Beispiel: BMW AG Stammaktie und BMW AG Vorzugsaktie – beide börsengehandelt, aber unterschiedliche WKNs.
- ISIN: International eindeutige Kennung – ebenfalls unterschiedlich pro Gattung. Die ISIN beginnt mit dem Länderkürzel (DE für Deutschland, AT für Österreich, CH für Schweiz).
- Name im Depot: Vorzugsaktien sind häufig mit "Vz" oder "ST" (Stamm) gekennzeichnet, je nach Broker-Interface.
- Börsenkürzel: International kann ein nachgestelltes "P" (Preferred) auf Vorzugsaktien hindeuten.
Historischer Kursabschlag bei Vorzugsaktien
In der Praxis werden Vorzugsaktien oft mit einem Kursabschlag gegenüber der Stammaktie gehandelt. Der Grund: Das Stimmrecht hat für institutionelle Großanleger und für Übernahmeinteressenten einen realen Wert – wer Stammaktien hält, kann auf Unternehmensentscheidungen einwirken.
Dieser Abschlag ist nicht konstant und kann stark variieren:
- Bei Übernahmegerüchten oder aktivistischen Investoren steigt die Stimmrechtsprämie auf Stammaktien oft deutlich an.
- In Marktphasen geringer M&A-Aktivität können Vorzugsaktien wegen ihrer höheren Dividende annähernd gleichauf mit Stammaktien notieren.
- Die Differenz hängt auch von der Unternehmensstruktur ab: Ist die Eigentümerfamilie dominierend, ist das Stimmrecht der freien Stammaktionäre weniger wert.
DAX-Reform 2021 – Vorzugsaktien faktisch ausgeschlossen
Im September 2021 trat die umfangreiche Reform der DAX-Indexfamilie in Kraft. Eine wesentliche Änderung: Der DAX 40 bevorzugt seitdem explizit Stammaktien mit Stimmrecht. Hintergrund ist der internationale Standard: Globale Indexanbieter wie MSCI und FTSE schließen stimmrechtslose Klassen in der Regel von ihren Indizes aus oder gewichten sie geringer.
Konkrete Konsequenz: Volkswagen Vorzugsaktien (ehemals DAX-Mitglied) wurden durch Volkswagen Stammaktien ersetzt. BMW Vorzugsaktien, die ebenfalls im DAX vertreten waren, wurden ebenfalls ausgetauscht. Für Privatanleger bedeutet das: Wer DAX-ETFs kauft, hält damit ausschließlich Stammaktien der 40 größten deutschen Unternehmen.
Österreich und Schweiz – verwandte Konzepte
Österreich – Stimmrechtsaktien und Vorzugsaktien
In Österreich kennt das Aktiengesetz ebenfalls Stamm- und Vorzugsaktien. Zusätzlich gibt es in Österreich historisch die Möglichkeit, Mehrfachstimmrechtsaktien (sog. "Goldene Aktien") zu schaffen, die einem bestimmten Aktionär ein überproportionales Stimmrecht gewähren. Solche Konstrukte sind jedoch im europäischen Umfeld selten geworden.
Schweiz – Namenaktien, Inhaberaktien und Partizipationsscheine
Die Schweiz kennt eine besondere Dreiteilung: Namenaktien (vinkulierte) mit Stimmrecht und teils eingeschränkter Übertragbarkeit, Inhaberaktien mit Stimmrecht und freier Übertragbarkeit sowie Partizipationsscheine (PS) ohne Stimmrecht. Der Partizipationsschein ist das schweizerische Äquivalent zur deutschen Vorzugsaktie – er gewährt eine volle wirtschaftliche Beteiligung, aber kein Stimmrecht. Bekannte PS-Emittenten waren historisch unter anderem Schweizer Banken.
Wandlung von Vorzugsaktien in Stammaktien
Unternehmen können ihre Kapitalstruktur vereinfachen, indem sie Vorzugsaktien in Stammaktien umwandeln. Dies geschieht häufig, um die Voraussetzungen für die Aufnahme in Leitindizes zu erfüllen oder um die Kapitalstruktur zu vereinfachen. Historische Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum:
- Volkswagen AG: Im Zuge der DAX-Reform 2021 stieg die Bedeutung der Stammaktie. Der VW-Konzern tauscht seither Stimmrechts- und Indexrelevanz über die Stammaktie ab.
- BMW AG: BMW hat seit Jahrzehnten beide Gattungen am Markt; die Wandlung wurde noch nicht vollzogen, aber die Indexzugehörigkeit erfolgt über die Stammaktie.
- Henkel AG: Henkel führte eine Wandlung durch und vereinte Stamm- und Vorzugsaktien zu einer einheitlichen Aktiengattung. Dieser Schritt wurde 2023 vollzogen und ermöglichte die DAX-Mitgliedschaft über eine einheitliche Aktienlinie.
Häufige Fragen (FAQ)
- Was ist der Unterschied zwischen Stamm- und Vorzugsaktie?
- Stammaktien gewähren Stimmrecht auf der Hauptversammlung. Vorzugsaktien verzichten darauf – bieten dafür meist eine höhere oder bevorzugte Dividende.
- Wie erkenne ich eine Vorzugsaktie im Depot?
- Vorzugsaktien werden im deutschen Sprachraum oft mit dem Zusatz "Vz" gekennzeichnet, z. B. "BMW Vz". In der ISIN und WKN unterscheiden sie sich von der Stammaktie. Im Börsenkürzel steht manchmal ein P (Preferred) für Vorzug.
- Gibt es Vorzugsaktien noch im DAX 40?
- Seit der DAX-Reform 2021 sind Vorzugsaktien im DAX 40 faktisch nicht mehr vertreten. Der Index bevorzugt liquide Stammaktien mit Stimmrecht. Volkswagen Vz wurde durch VW Stammaktien ersetzt.
- Können Vorzugsaktien in Stammaktien umgewandelt werden?
- Ja. Unternehmen können Vorzugsaktien in Stammaktien umwandeln, um die Kapitalstruktur zu vereinfachen oder Indexaufnahmevoraussetzungen zu erfüllen. Die Konditionen sind in der Satzung geregelt.
- Warum werden Vorzugsaktien oft mit Abschlag gehandelt?
- Da Vorzugsaktionäre kein Stimmrecht haben, bewerten Anleger diesen Kontrollverlust häufig mit einem Kursabschlag gegenüber der Stammaktie. Die Höhe des Abschlags variiert je nach Unternehmen und Marktsituation.