Thesaurierend vs. ausschüttend: Welcher ETF ist besser?

Dividenden reinvestieren oder auszahlen lassen? Der Unterschied klingt gering, ist aber über 30 Jahre erheblich — und die steuerliche Behandlung in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist sehr unterschiedlich.

Thesaurierend Ausschüttend Steuern DACH

Grundbegriffe: Was bedeuten Acc und Dist?

Im Fondsnamen und KIID tauchen zwei Kürzel auf:

Thesaurierend (Acc)

  • Dividenden werden automatisch reinvestiert
  • Maximaler Zinseszinseffekt
  • Kein manueller Reinvestitionsaufwand
  • Geeignet für die Ansparphase
  • In DE: Vorabpauschale jährlich fällig
  • In AT: Steuer auf ausschüttungsgleiche Erträge
  • In CH: Keine Steuerpflicht auf Wertzuwachs

Ausschüttend (Dist)

  • Dividenden werden ausgezahlt (Cash)
  • Regelmäßiges Einkommen im Ruhestand
  • Kein automatischer Zinseszins
  • Reinvestition muss manuell erfolgen
  • In DE: Steuer auf Ausschüttungen fällig
  • In AT: KESt auf Ausschüttungen automatisch
  • In CH: Einkommensteuerpflichtige Ausschüttungen

Zinseszins-Vergleich: 10.000 Euro über 30 Jahre

Angenommen: Startkapital 10.000 Euro, 7 % Gesamtrendite p.a. (inkl. Dividenden ca. 2 %), keine Steuern (um den reinen Zinseszinseffekt zu zeigen). Die Dividendenrendite beträgt dabei ca. 2 % der jährlichen 7 %.

VarianteStartkapitalNach 10 JahrenNach 20 JahrenNach 30 Jahren
Thesaurierend (alle 7 % reinvestiert) 10.000 € 19.672 € 38.697 € 76.123 €
Ausschüttend (2 % Dividende ausgezahlt, 5 % Wertzuwachs) 10.000 € 16.289 € 26.533 € 43.219 €
Ausschüttend mit Reinvestition (alle Dividenden manuell reinvestiert) 10.000 € 19.672 € 38.697 € 76.123 €
76.123 €
Thesaurierend nach 30 Jahren
43.219 €
Ausschüttend ohne Reinvestition

Das Ergebnis zeigt: Der thesaurierende ETF erzielt ohne Steuern identische Ergebnisse wie ein ausschüttender ETF, bei dem alle Dividenden vollständig reinvestiert werden. Der große Unterschied entsteht, wenn Dividenden ausgegeben (z. B. ausgegeben oder versteuert) werden: 76.123 Euro vs. 43.219 Euro — ein Unterschied von über 32.000 Euro. In der Praxis entstehen zudem bei jedem Reinvestitionskauf neue Ordergebühren und Steuern auf die Ausschüttungen.

Steuerliche Unterschiede im DACH-Raum

Deutschland

Thesaurierend: Jährliche Vorabpauschale auf Basis des Basiszinses. Bei niedrigem Basiszins sehr gering. Sparerpauschbetrag (1.000 Euro) kann verrechnet werden. Vorteil: Steuerstundung des Großteils der Gewinne bis zum Verkauf.

Ausschüttend: Steuer auf jede Ausschüttung sofort fällig. Sparerpauschbetrag kann Kleinbeträge abdecken. Keine Steuerstundung — nachteilig in der Ansparphase.

Österreich

Thesaurierend: KESt (27,5 %) auf ausschüttungsgleiche Erträge jährlich fällig — auch ohne tatsächliche Zahlung. Österreichische Broker berechnen dies automatisch. Steuerliche Behandlung ähnlich wie bei ausschüttenden ETFs.

Ausschüttend: KESt 27,5 % auf jede Ausschüttung automatisch vom Broker einbehalten. Kein wesentlicher Steuerunterschied zu thesaurierenden ETFs — Entscheidung eher nach persönlicher Präferenz.

Schweiz

Thesaurierend: Kursgewinne steuerfrei. Bei ausländischen ETFs keine Ausschüttung → keine Einkommensteuerpflicht auf laufende Erträge. Klarer Steuervorteil in der Ansparphase.

Ausschüttend: Ausschüttungen als Einkommen zu versteuern. Zusätzlich 35 % Verrechnungssteuer auf Schweizer Ausschüttungen (rückforderbar). Nachteil in der Ansparphase, Vorteil im Ruhestand wenn man regelmäßiges Einkommen benötigt.

Fazit für die Schweiz: Thesaurierende ETFs ausländischen Domizils (z. B. irische ETFs mit ISIN IE...) sind für Schweizer Anleger in der Ansparphase fast immer die steuerlich günstigere Wahl, da keine jährliche Einkommensteuerpflicht auf laufende Erträge entsteht.

Wann welcher ETF-Typ sinnvoll ist

SituationEmpfehlungBegründung
Sparphase (jung, langer Horizont)ThesaurierendMaximaler Zinseszinseffekt, Steuerstundung (DE/CH)
Entnahmephase (Ruhestand)AusschüttendRegelmäßiges Einkommen ohne Verkauf nötig
Österreich, jede PhaseBeide gleichSteuerlich kein Unterschied — Präferenz entscheidet
Schweiz, SparphaseThesaurierendKeine Einkommenssteuer auf laufende Erträge
Schweiz, EntnahmephaseAusschüttendRegelmäßige Einnahmen, Steuerstundung ohnehin steuerfrei
Sparerpauschbetrag ausschöpfen (DE)Ausschüttend (für kleine Portfolios)Ausschüttungen unter 1.000 Euro steuerfrei

Gleiche Indizes, verschiedene Varianten

Für die beliebtesten ETF-Indizes gibt es sowohl thesaurierende als auch ausschüttende Varianten vom gleichen Anbieter:

Die Unterschiede in der TER zwischen Acc und Dist-Varianten desselben Anbieters sind oft gering. Die steuerlichen und strategischen Überlegungen sind wichtiger als die TER-Differenz.

Vorabpauschale in Deutschland erklärt

Die Vorabpauschale ist für deutsche Anleger mit thesaurierenden ETFs relevant. Sie berechnet sich vereinfacht so:

War der Basiszins null oder negativ (wie in 2020–2022), fiel keine Vorabpauschale an. Bei einem Basiszins von 2,29 % (2024) ergibt sich auf 10.000 Euro Fondswert eine Vorabpauschale von ca. 160 Euro und eine Steuerlast von ca. 30 Euro. Das ist handhabbar und wird vom Sparerpauschbetrag (1.000 Euro) oft abgedeckt.

Häufige Fragen: Thesaurierend vs. ausschüttend

Was ist der Unterschied zwischen thesaurierend und ausschüttend?

Ein thesaurierender ETF (Acc) reinvestiert alle eingehenden Dividenden und Zinsen automatisch im Fonds — der Anleger erhält kein Geld, aber der ETF-Kurs steigt durch die Reinvestition. Ein ausschüttender ETF (Dist) zahlt diese Erträge regelmäßig auf das Konto des Anlegers aus — meist quartalsweise oder jährlich. Am Ausschüttungstag sinkt der ETF-Kurs entsprechend. Langfristig erzielen beide Varianten ohne Steuern und bei vollständiger Reinvestition der Ausschüttungen identische Renditen. Der Unterschied entsteht durch Steuern (in manchen Ländern), Transaktionskosten bei der Reinvestition und die psychologische Komponente (Cash in der Hand vs. Kurszuwachs).

Was ist die Vorabpauschale und wie hoch ist sie?

Die Vorabpauschale ist eine Mindestbesteuerung für thesaurierende Investmentfonds in Deutschland. Sie soll verhindern, dass Anleger Steuern dauerhaft auf das Verkaufsdatum verschieben. Die Höhe hängt vom Basiszins der Deutschen Bundesbank ab: Vorabpauschale = Fondswert × Basiszins × 0,7 minus etwaige Ausschüttungen. Bei Aktien-ETFs gilt die Teilfreistellung von 30 %, sodass nur 70 % der Vorabpauschale der Abgeltungsteuer unterliegen. In Jahren mit niedrigem Basiszins ist die Vorabpauschale sehr gering. Sie wird automatisch vom deutschen Depot-Broker einbehalten und mit dem Sparerpauschbetrag verrechnet.

Welcher ETF-Typ ist in der Sparphase empfehlenswert?

In der Ansparphase (langfristiger Vermögensaufbau) empfiehlt sich in den meisten Fällen ein thesaurierender ETF. Die Gründe: Dividenden werden automatisch reinvestiert, ohne dass Ordergebühren oder manueller Aufwand entstehen. In Deutschland führt die Thesaurierung zur Steuerstundung — der Großteil der Steuern fällt erst beim Verkauf an. In der Schweiz ist thesaurierend noch klarer vorteilhaft: Keine jährliche Einkommensteuerpflicht auf Erträge ausländischer Fonds. In Österreich gibt es steuerlich kaum Unterschied.

Wann ist ein ausschüttender ETF die bessere Wahl?

Ausschüttende ETFs eignen sich besonders in der Entnahmephase — also wenn Anleger im Ruhestand regelmäßige Einkünfte aus ihrem Portfolio benötigen, ohne Anteile verkaufen zu müssen. Die Ausschüttungen (Dividenden) fließen automatisch auf das Konto und können für Lebenshaltungskosten genutzt werden. Auch für Anleger, die ihren Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro (Deutschland) optimal ausschöpfen möchten, können ausschüttende ETFs bei kleinen Portfolios sinnvoll sein. Psychologisch helfen Ausschüttungen manchen Anlegern, in Marktkrisen investiert zu bleiben — sichtbares Einkommen trotz fallendem Kurs.

Wie werden thesaurierende ETFs in der Schweiz besteuert?

In der Schweiz sind Kursgewinne für Privatanleger vollständig einkommenssteuerfrei. Thesaurierende ETFs mit ausländischem Domizil (z. B. in Irland aufgelegte UCITS ETFs) schütten keine Dividenden aus. Das bedeutet: Während der Ansparphase entsteht keine Steuerpflicht auf laufende Erträge. Erst wenn Anteile verkauft werden, fällt kein Steuer an (da Kursgewinne steuerfrei). Das ist ein erheblicher Vorteil gegenüber Deutschland und Österreich. Bei ausschüttenden ETFs hingegen werden Ausschüttungen als steuerpflichtiges Einkommen gewertet — das mindert den Zinseszinseffekt nach Steuern.

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